Hans Jonas verstand sich nie als "jüdischer Philosoph", sondern fühlte sich einem universalen philosophischen Denken verpflichtet. "Dass man zusammen Philosoph und Jude ist, darin liegt eine gewisse Spannung, das ist keine Frage." Die gerade erschienenen Erinnerungen des großen Denkers bezeugen eindringlich sein bewusstes Jude-Sein: Das Engagement für den Zionismus, die Emigration nach Palästina, der Kampf gegen Nazi-Deutschland als Soldat der Jüdischen Brigade, die Ermordung seiner Mutter in Auschwitz sind entscheidende biografische Wegmarken. Vor diesem Hintergrund ist das Verhältnis von Leben und Werk neu in den Blick zu nehmen. Auf der Grundlage von bislang größtenteils unbekannten Zeugnissen dokumentiert Christian Wiese aufschlussreiche Facetten der Jonasschen Biografie - etwa die Freundschaft sowie den Konflikt mit Gershom Scholem und Hannah Arendt. Zudem zeigt er die Einflüsse jüdischer Traditionselemente in dessen religionsgeschichtlichen und philosophischen Schriften auf.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2004
Sehr angetan zeigt sich Rezensent Andreas Kilcher von Christian Wieses Essay, der den Philosophen und Verantwortungsethiker Hans Jonas als "jüdischen Denker" vorstellt. Eine "bisher vernachlässigte Perspektive", wie Kilcher betont. Wiese beschreibe Jonas als philosophischen Deuter der Gnosis, als entschiedenen, aber auch zaudernden Zionisten und schließlich als Ethiker angesichts des Holocausts. Kilcher hebt hervor, dass Jonas in diesen Fragen "kein einsamer", sondern ein "kommunikativer Denker" war, der sich nicht nur mit Zeitgenossen wie Edmund Husserl, Martin Heidegger, Rudolf Bultmann, sondern auch mit Gershom Scholem und Hannah Arendt auseinandersetzte. Bedeutsam findet Kilcher insbesondere Jonas' späten Essay "Der Gottesbegriff nach Auschwitz", in dem sich Jonas von der Idee eines allmächtigen und omnipräsenten Gottes verabschiedete und die Verantwortung für Natur und Geschichte ganz in die Hände der Menschen legte. Wieses einleitende Rechtfertigung seines Unternehmens, Jonas als jüdischen Denker zu lesen, erscheint Kilcher angesichts solch gewichtiger Themen "fast überflüssig".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.11.2003
Rezensentin Ulrike Baureithel ist etwas enttäuscht, denn dieser Essay erweist sich bei genauerem Hinsehen lediglich als das erweiterte Nachwort der von Christian Wiese bereits im Frühjahr herausgegebenen Jonas-Erinnerungen. Zwar warte der in Erfurt lehrende Judaist hier noch mit einer Reihe unbekannter Quellen auf. Dennoch findet sie den ersten Teil der Arbeit "strukturiert vom bekannten biografischen Protokoll", das ausgiebig zitiert und interpretiert werde. Material- und aufschlussreicher findet sie die beiden im zweiten Teil des Bandes enthaltenen Freundschaftsskizzen zu Hannah Arendt und Gershon Scholem.
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