Hundeherz
Roman

Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN
9783751809665
Gebunden, 237 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Aus dem Japanischen von Irmela Hijiya-Kirschnereit. Die letzten zwei Jahre im Leben eines Familienhunds, durchzogen von Erinnerungen und mit Seitenblicken auf den gebrechlichen Vater der Erzählerin - Stoff für ein Buch, das viele Fragen stellt. Die drei Töchter der Erzählerin und ihr Mann, der "Hundehasser", aber auch die drei Hunde, der Vogel und alle anderen Haustiere bilden eine Familie mit einzigartigen Persönlichkeiten. Ihnen allen verleiht die Autorin eine Stimme, begibt sich auf ihre Augenhöhe und zeichnet in kuriosen wie rührenden, amüsanten und nachdenklichen Anekdoten das Bild dieser besonderen Familienkonstellation, wobei oft ein übler Gestank über der Szene liegt. Dabei überlegt sie: Was bedeuten Fürsorge, Verantwortung und Zuneigung zwischen Mensch und Tier? Wie weit reicht das gegenseitige Verstehen? Wo sind Grenzen, wo werden sie überschritten? Das offenbart sich am südkalifornischen Familienwohnsitz ebenso wie in Japan, wo der alte Vater die Tage mit seinem Hund verbringt.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 03.12.2024
Rezensent Christoph Schröder liest Hiromi Itos Roman "Hundeherz" so berührt wie angewidert. Denn wenn die japanische Autorin hier den Abschied vom kranken Vater mit dem Abschied vom sterbenden Hund Take verknüpft, werden alle "Ekelgrenzen" überschritten, warnt der Kritiker vor. Denn im Haus der Itos leben nicht nur der missmutige Ehemann, zwei erwachsene Kinder und der kranke Hund, sondern auch ein weiterer Hund und ein Vogel, erfährt Schröder. In diesem "bizarren Universum" riecht es überall nach Kot und Urin, und dass es Ito um die universelle Erfahrung von Alter und Verfall geht, hat Schröder bald verstanden. Es mag sein, wie die Übersetzerin anmerkt, dass die Exkremente im japanischen Original mit "poetischem Vokabelreichtum" beschrieben wurden, in der deutschen Übersetzung merkt der Kritiker davon leider nicht mehr allzu viel. Über den kulturell unterschiedlichen Umgang mit dem Tod lernt er hier allerdings allerhand.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2024
Ein Buch, das keine Ekelgrenzen kennt und doch beglückt, hat Hiromi Ito geschrieben, freut sich Rezensentin Judith Leister. Dessen Ich-Erzählerin kümmert sich um die Hündin Take, erfahren wir, die alt und inkontinent geworden ist. Das Schicksal der Hündin wird gemäß Leisters Beschreibung mit menschlichen Schicksalen um die Erzählerin herum in Verbindung gesetzt, unter anderem ist auch der Vater der Erzählerin alt und gebrechlich, ihr Mann wird es bald ebenfalls sein. Die Hündin wird bei alldem nicht anthropomorphisiert, stellt die Rezensentin klar, jedem Hundekitsch schiebt die Betonung tierischer Körperlichkeit - unter anderem geht es oft um Kot - einen Riegel vor. Ein Buch, schließt die positive Rezension, das auf erstaunliche, nicht wertende Art vom Verhältnis von Mensch und Tier handelt und dabei erstaunliche Freiheitsgrade erreicht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.07.2024
Nichts für zartbesaitete Leser, warnt Rezensent Jörg Magenau angesichts von Hiromi Itos Buch über das Sterben eines Hundes. Im Buch geht es viel um nicht mehr kontrollierbare Körperflüssigkeiten, um das Leben und Sterben mit Hund und das Verhältnis Mensch-Tier, erklärt Magenau. Wie die Autorin ihr Thema angeht, offen, unverkitscht und unsentimental, gefällt dem Rezensenten dabei gut. Die Übersetzung von Irmela Hijiya-Kirschnereit scheint ihm makellos zu sein.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 04.07.2024
Rezensentin Katharina Teutsch zeichnet ein sehr sympathisches Porträt von Hiromi Ito, der japanischen "Ikone feministischer Underground-Lyrik", die berühmt für ihre Texte über Masturbation, Menstruation und Magersucht wurde, hierzulande aber erst durch ihr essayistisches Memoir "Dornauszieher" bekannt wurde. Dem 2007 im japanischen Original erschienenen "Dornauszieher" widmet Teutsch denn auch den Großteil ihrer Besprechung, ansonsten erfahren wir einiges über die resolute Ito, die Teutsch in Berlin bei ihrer verdienstvollen Übersetzerin Irmela Hijiya-Kirschnereit trifft. Schließlich kommt die Kritikerin auch auf den aktuellen Roman zu sprechen, "Hundeherz", der als Fortsetzung des "Dornausziehers" angelegt ist. Ging es im Vorgänger vor allem um die Pflege der Eltern und den herzkranken Mann, widmet sie sich nun der Pflege ihrer zahlreichen Haustiere. Der Mann ist inzwischen verstorben, die Kinder sind ausgezogen und auch die Tiere werden krank und sterben schließlich, aber nicht zuletzt Itos Humor sorgt dafür, dass die Rezensentin gern an diesem "qualvoll prallen" Leben teil hat. Großartig findet Teutsch darüber hinaus, wie die Autorin die verschiedenen "Zeichensysteme der japanischen Moderne" immer mitschwingen lässt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2024
Furchtlos und in zärtlicher Prosa denkt der Roman "Hundeherz" der japanischen Autorin Hiromi Itō über das Verhältnis von Tieren und Menschen nach, befindet Rezensent Jörg Plath. Darin pflegt die sechsundfünfzigjährige, mit ihrem Mann in Kalifornien lebende Erzählerin einerseits ihren alternden, inkontinenten Schäferhund Take, andererseits, bei regelmäßigen Besuchen in ihrer Heimat Japan, ihren achtzigjährigen Vater. Erinnerungen an die verstorbene Mutter und eine korpulente Tante vermischen sich, als sie Takes schmalgewordene Hüfte umfasst: Und so, schreibt Plath, wird die Hündin zur Stellvertreterin für die fernen Eltern, und Freiheit und Verpflichtung gegenüber geliebten Wesen, die bedürftig sind, werden grundlegend thematisiert. Den impulsiven Erzählton und die vielfältigen Anspielungen hat Irmela Hijiya-Kirschnereit, so der Rezensent, gekonnt ins Deutsche übertragen und in einem gehaltreichen Nachwort kommentiert. Ein herzerwärmendes Stück unerschrockener Prosa, das Plath empfehlen kann.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.05.2024
Dieses Buch, warnt Rezensent Christoph Schröder, ist ekelerregend! Zumindest über weite Strecken. Ja, es ist ein kalkulierter Ekel, den die Autorin hier erzeugt, offensichtlich mit dem Ziel, etwas über das Altern zu erzählen, über den körperlichen Verfall, der Mensch und Tier gleichermaßen ereilt, vor allem aber: Über die "Scham, die Sprachlosigkeit, die Machtlosigkeit", die damit verbunden sind. Doch hätte es dafür wirklich all die Exkremente gebraucht, die Ito hier ausufernd, in entsprechender Farbenpracht schildert, fragt sich der Rezensent. Immer wieder schafft die Autorin auch schöne Momente, beschreibt interessante Beobachtungen, etwa wenn sie das Sterben ihres Hundes mit dem Sterben ihres Vaters vergleicht, doch die Abscheu dominiert, so der Rezensent.