An ein hölzernes Andreaskreuz gefesselt, im Pazifik treibend, hat einer der berühmtesten Abenteuerhelden der grafischen Literatur seinen ersten Auftritt: Corto Maltese. Es ist Ende 1913. Der Erste Weltkrieg bahnt sich an und im Südwestpazifik belauern sich die Weltmächte. Zwischen den Fronten betreiben der unberechenbare Rasputin und Corto Maltese, der Kapitän ohne Schiff, zwielichtige Geschäfte im Auftrag eines mysteriösen "Mönchs". Im Grunde sind sie Piraten, aber mit unterschiedlicher Moral. Denn während Rasputin nicht davor zurückschreckt, ganze Besatzungen den Haien vorzuwerfen und die junge Admiralstochter Pandora Groovesnore als Geisel zu nehmen, handelt Corto nach dem Motto: "Leben und leben lassen." Der Startschuss für die große, aus dem Italienischen komplett neu übersetzte Werkausgabe des Comic-Klassikers von Hugo Pratt. Zusätzlich zur regulären Farbausgabe wird es für die Puristen unter den Fans auch eine "Klassik-Edition" mit den ursprünglichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen geben.
Die Wiederveröffentlichung des ersten Bandes aus Hugo Pratts Comiczyklus-Klassiker rund um den Südseeabenteurer Corto Maltese ist für Ralph Trommer ein willkommener Anlass zur Würdigung des italienischen Comicautors: Zumindest anfangs ohne eindeutige Heldenfigur ausgestattet, inhaltlich an den großen Klassikern der Abenteuerliteratur orientiert und mit einem langem Atem erzählt, der über die bis dahin üblichen 48 Seiten des Albumformats sichtlich hinaus reicht, näherte sich Pratt mit dieser 1967 erstmals veröffentlichten Geschichte romanartigen Erzählweisen an und schuf damit die Grundlage dessen, was man heute "Graphic Novel" nennt. Auch inhaltlich und ästhetisch übersteigt Pratt die damals üblichen Grenzen, führt der Rezensent weiter aus: Er romantisiere das Abenteuer nicht, sondern lege auch die ökonomisch bedingten Schattenseiten frei. Und mit "seinem unverwechselbar expressiven, auch poetischen Zeichenstil" habe er sich eine souveräne Position als Comickünstler erarbeitet. Diese nachzuvollziehen gestattet diese Edition mustergültig, lobt Trommer: Denn die "Südseeballade" liegt zweifach vor - einmal als schwarzweiße Tuscheversion und einmal als behutsam colorierte Fassung.
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