Von Norddeutschland bis zum Indischen Ozean - in ihrem Buch bereist die Autorin die Flugrouten des Mauerseglers, eines der bemerkenswertesten Vögel. In den Fokus geraten dabei aber auch Menschen, die auf ihrer Flucht aus Afrika zu Land ähnliche Routen nehmen wie die Vögel hoch oben. Jedes Jahr im Frühling kommen die Mauersegler zum Brüten nach Europa. Ihr abendliches Jagen über den Dächern, ihre Flugakrobatik und ihre Rufe sind Inbegriff hiesiger Sommer geworden. Von diesen Vögeln kann man nur schwärmen. Sie verbringen ihr ganzes Leben, außer bei der Brut, und damit bis zu 10 Monate im Jahr im Fliegen, wobei sie fressen, trinken, schlafen. Im Sommer steigen sie jeden Abend bis zu 3000 m auf, um ihr Orientierungssystem so auszurichten, dass sie jedes Jahr zu ihrem speziellen Nistplatz in Deutschland zurückfinden. Im Sturzflug sind sie bis zu 200 km/h schnell und, obwohl sie nicht einmal 40 g wiegen, jagen sie täglich mindestens 50 g Nahrung, was mehr als 20.000 Insekten und Spinnen entspricht. Diese Vögel ließen die Autorin nicht los. Sie stellte sich die Frage, wohin die Segler des Stadtteils, in dem sie lebt, fliegen, wenn sie im Juli oder August wieder aufbrechen?
Fasziniert begibt sich Rezensentin Heike Holdinghausen gemeinsam mit Imke Müller-Hellmann auf die Reise von Norddeutschland in Richtung Süden, den Wanderbewegungen der Mauersegler folgend: die Tiere brüten im Sommer in Hausdächern des Ortes bei Osnabrück, in dem Müller-Hellmann wohnt, bevor sie sich aufmachen in Richtung wärmerer Gefilde. Müller-Hellmann fühlt sich in die Vögel und ihr Leben in der Luft ein, so Holdinghausen, in einer Art von Nature Writing, was derzeit durchaus Mode ist. Allerdings wählt die Autorin, setzt die Rezensentin fort, eine außergewöhnliche, weil ganzheitliche Perspektive, sie thematisiert nicht nur die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier, sondern setzt die Vogelbewegungen in eine Beziehung zu den Fluchtbewegungen von Menschen, die aus Afrika aufbrechen, um Europa zu erreichen - eine Mitbewohnerin Müller-Hellmanns unterstützt sie dabei und wird Zeugin schlimmer Schicksale. Auch Tourismus und die Corona-Pandemie kommen in diesem Buch vor, das, findet Müller-Hellmann, auf denkwürdige Art aufzeigt, wie sehr der Weg der Zugvögel uns angeht.
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