Ein Haus und seine Hüter

AB - Die Andere Bibliothek, Berlin 2024
ISBN
9783847704690
Gebunden, 372 Seiten, 48,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Gregor Hens. Ein Weihnachtstag im Haus der viktorianischen Familie Edgeworth 1885. Der Patriarch Duncan lässt keinen Zweifel daran, dass er der Herr im Haus ist, gegenüber seiner Familie verhält er sich anmaßend und tyrannisch. Als seine Frau stirbt, wird sie kurzerhand durch eine andere ersetzt, kaum älter als seine Töchter. Von dem Moment an, in dem die erste Teetasse umgestoßen wird, braut sich ein Sturm zusammen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.12.2024
Angeregt liest Rezensentin Sylvia Staude dieses erstmals auf deutsch vorliegenden, im Original 1935 erschienenen Roman Ivy Compton-Burnetts, der zu weiten Teilen aus Dialogen besteht, weil die Autorin keine Lust hatte, ihre Leser mit modischen und ähnlichen Details zu langweilen. Es dauert manchmal etwas, bis man versteht, wer gerade spricht, so Staude: Die Handlung jedenfalls dreht sich um die Familie Edgeworth, in deren Zentrum der Patriarch Duncan steht, der Bücher, die ihm missfallen, verbrennt und insgesamt dreimal heiratet. Über Geheimnisse wie etwa Ehebruch wird in diesem Haushalt geschwiegen, erfahren wir, wobei die Familienmitglieder gleichzeitig ausgiebig in spitzer Zunge gegenseitig über sich herziehen. Satirische Aspekte hat dieses Buch, meint die Rezensentin, zum Beispiel wenn es um den wehleidigen Duncan geht, oder um Frauen, die vor allem darauf aus sind, ihre eigene ökonomische Stellung abzusichern. Insgesamt ein anregendes Dialogkunstwerk, so der Tenor der Rezension.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 21.11.2024
In seiner ebenfalls höchst literarischen Rezension freut sich Clemens J. Setz, selbst Schriftsteller, dass nun endlich ein Roman von Ivy Compton-Burnett auf Deutsch vorliegt: Dieser spielt "in spätviktorianisch tickenden Landhäusern" und handelt von den Familien, die darin wohnen, mit der Besonderheit, dass alle Figuren stets die Wahrheit sagen, weil sie sich, immerzu im Korsett der sozialen Bedingungen eingeschnürt, permanent gegenseitig beobachten. Sie kennen die Schwächen der anderen und hassen sich, so Setz. Mit Ausflügen in die Literaturgeschichte erklärt er, dass die darauf aufbauende Dialogstruktur den Roman so besonders macht. Zwischen Todesfällen und Haustyrannen werden für den Kritiker die amoralischsten Szenerien ausgepackt, die dann mittels der Sprache wieder eingehegt werden, besonders lobt er dabei die Kinderfiguren mit ihrer "perversen, regellosen Deutung der Verhältnisse." Zum Schluss schildert er eine Szene, in der sich die Mutter kaum traut, sich krank ins Bett zu legen, aus Angst vor dem Vater - am Ende stirbt sie an der Krankheit. Setz lobt diesen Roman als Beispiel für die "edle Literatur der grellsten Irritation" und hofft auf weitere Übersetzungen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 12.11.2024
Mit Genuss liest Rezensentin Edelgard Abenstein dieses Buch, das hauptsächlich aus brillanten Rededuellen besteht. Ivy Compton-Burnett erzählt von den Edgeworths, einer Familie, deren Mitglieder sich ständig in den Haaren liegen, erfahren wir. Mittendrin der Patriarch Duncan, der nach dem Tod seiner Frau direkt wieder heiratet, und zwar eine ganz junge Frau. Nachdem diese dann ein Kind zur Welt bringt, das auffällig dem Neffen ähnlich sieht, kommt es schließlich zum Mord. Mit historischer Patina hält sich Compton-Burnett nicht auf, erfahren wir, das Buch funktioniert weitgehend über die geschliffenen Dialoge, in denen die Familienmitglieder in immer neuen Variationen gegenseitig über sich herziehen und selbst tote Kinder unter dem Redeschwall zu verbergen verstehen. Das ist alles sehr komisch, findet Abenstein, die freilich eingesteht, dass man manchmal vor lauter Dialogen den Überblick zu verlieren droht. Dennoch ist das Buch eine wunderbare Ausgrabung, freut sich die Rezensentin, auch die Übersetzung durch Gregor Hens macht Laune, und insgesamt kommt man einfach besser mit dem Blödsinn in der Welt da draußen klar, wenn man so elegante Sätze liest.