Mit einem Kommentar von Raymond Geuss. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Saint Victor analysiert den Zusammenhang zwischen antipolitischen Strömungen und deren Forderungen nach einer direkten Demokratie mittels des Web 2.0. Er beschreibt die Gefahren, die entstehen, wenn "direkt" heißen soll, die repräsentativen Instanzen auszuschalten, insofern noch über die partizipative Demokratie hinausgehen zu wollen. Die Folgen wären eine "Klick"-Demokratie, die in Zuspitzung auch in eine Diktatur der Mehrheit münden kann. Es ist nur ein kleiner Schritt von der direkten Demokratie zur direkten Demagogie. Die vielbeschworene Schwarmintelligenz, so Saint Victor, ist unkontrollierbar affektaffin, eine Masse bewege sich emotiv und somit strukturell explosiv gewalttätig. Saint Victor malt in seinem Essay nicht den Teufel an die Wand, auch überschätzt er die "Antipolitischen" nicht, ebenso wenig übersieht er unkritisch die Mängel einer repräsentativen und partizipativen Demokratie. Aber er nimmt die "Antipolitischen" ernst, als strukturelles Phänomen, und stellt die so schön klingende Forderung nach einer direkten Demokratie mittels der Errungenschaften des Web 2.0 auf den Prüfstand.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.08.2015
Was es bedeutet 2015 Politik zu machen, lernt Jens-Christian Rabe aus dem Büchlein des Politikprofessors Jacques de Saint Victor, genauer gesagt nicht zuletzt aus dem kleinen Text, den der Ideengeschichtler Raymond Geuss beisteuert. Beide Autoren, informiert uns der Rezensent, hegen Vorbehalte gegenüber der Antipolitik und den politischen Potenzialen des Internets, Geuss erkennt unsere Politik zudem als antiautokratisch, was etwas anderes als demokratisch bedeutet, wie Rabe lernt. Wie Saint Victor zudem die antipolitischen, netzaffinen Bewegungen in Italien und Deutschland als teilweise populistisch entlarvt, ohne gleich wieder um Beifall zu buhlen, sondern mit gesunder Skepsis nach allen Richtungen, das hält Rabe für lesenswert, auch wenn das keinen streng umrissenen eigenen Politikbegriff ergibt. Zum Stand der Demokratien des Westens womöglich die beste Lektürewahl derzeit, meint er.
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