Jaroslaw Hryzak

Ukraine

Biografie einer bedrängten Nation
Cover: Ukraine
C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN 9783406821622
Gebunden, 480 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

In den letzten Jahren ist im Westen viel über die Geschichte der Ukraine geschrieben worden - aber zumeist von westlichen oder im Westen lebenden und lehrenden Historikern. Yaroslav Hrytsaks Werk bietet die Perspektive aus der Ukraine. Es seziert die Mythen der russischen Propaganda, bewahrt sich aber auch einen kritischen Blick für ukrainische Legenden und Übertreibungen. Wenn Staaten Pässe hätten, würde darin 1914 als Geburtsjahr der Ukraine eingetragen, schreibt Hrytsak. Gleichzeitig aber wäre diese moderne Staatsbildung nicht denkbar gewesen ohne die lange Geschichte der ukrainischen Nationsbildung. Daher setzt dieses Buch mit der Geschichte der Rus ein und spannt den Bogen bis in die Gegenwart, wo sich die Ukraine von einer ethnischen zu einer zivilgesellschaftlichen Nation gewandet hat, deren politische Kultur sich fundamental von der Russlands unterscheidet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 24.02.2025

Insgesamt positiv bespricht Rezesentin Gesine Dornblüth Yaroslav Hrytsaks Darstellung der ukrainischen Geschichte. Wobei sie darauf hinweist, dass der Autor seinem Anspruch, darzulegen, weshalb die Ukraine sich nach dem Überfall Russlands 2020 so wehrhaft erwiesen hat, nicht einlösen kann. Warum funktioniert das nicht? Weil die Geschichte des Landes, der sich dieses Buch widmet, zu kompliziert ist, glaubt Dornblüth, die mit Hrytsak einige Stationen dieser Nationalgeschichte rekapituliert. So ist, lernen wir, bei Hrytsak einiges über die Rus, ein Staatsgebilde um Kyjiw, die Rede, außerdem geht es um Themen wie die Kosaken, den Holodomor-Massenmord und die unabhängige Ukraine der Gegenwart. Hrytsak betont laut Dornblüth immer wieder die Orientierung der Ukrainer in Richtung Westen sowie die Unterschiede zwischen der Ukraine und Russland, etwa, was den Umgang mit der Buchdrucktechnik betrifft. Insbesondere betont der Autor laut Rezensentin die Eigenständigkeit der politischen Kultur der Ukraine, wobei sich die Darstellung nicht zu einer Heldengeschichte vereinigt, sondern Raum lässt für Ambivalenzen. Die Lektüre ist lohnend, aber anstrengend, stellt Dornblüth abschließend klar, wer nur kurz einen Crashkurs in Sachen Ukraine machen möchte, ist mit dem Buch nicht so gut bedient.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2024

Ein hilfreiches Buch über die Geschichte der Ukraine hat Jaroslaw Hryzak laut Rezensent Florian Keisinger geschrieben. Der Historiker Hryzak hofft offensichtlich darauf, dass die Ukraine in der Zukunft eine unabhängige, in Richtung Europa sich orientierende Nation sein wird, stellt Reisinger klar, dennoch ist seine historische Rekonstruktion keineswegs parteiisch. Die Wurzeln der Ukraine sieht der Autor, dem Rezensenten zufolge, im 10. Jahrhundert, in der Entstehung der Kiewer Rus, im Folgenden prägen einerseits Absetzbewegungen von Russland, andererseits Einflüsse aus Polen und Österreich das Land, im 19. Jahrhundert entsteht dann ein Selbstverständnis als eigenständige Nation. Problematische Aspekte wie etwa die ukrainische Kollaboration mit Nazideutschland werden keineswegs ausgespart, beschreibt Keisinger, der das Buch auch deshalb empfiehlt, weil es die Bereitschaft der Ukrainer thematisiert, für ihre eigene Freiheit gegen Putin zu kämpfen. Eine wichtige Lektion auch für Europa, schließt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.09.2024

Das "nicht abreißende Erbe der Unterdrückung" der Ukraine kann Kritiker Christian Thomas in Yaroslav Hrytsaks Buch umfassend und dicht nachvollziehen: In sechs aufschlussreichen Großkapiteln werden Prozesse der ukrainischen Nationenbildung und ihre Verhinderung zwischen Kiewer Rus und UdSSR geschildert, gespickt mit Exkursen zum ukrainischen Liedgut und zu Pogromen an Juden. Dabei räumt Hrytsak mit einigen Mythen auf, etwa, dass Ukrainisch keine eigene Sprache sei: Sie hat sich unabhängig vom Russischen aus dem Altkirchenslawischen entwickelt, lernt Thomas. Auch über die realistische Einschätzung, die der Autor von Russland hat, kann sich der voll und ganz überzeugte Rezensent abschließend informieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2024

Rezensent Reinhard Veser rät zur Lektüre von Yaroslav Hrytsaks Buch, um zu verstehen, warum die Geschichte der Ukraine für alle Europäer bedeutsam ist. Wie der ukrainische Historiker die Geschichte seines Landes erzählt, ohne Ideologie, Opfer- und Heldenmythen, dafür mit Brüchen und Widersprüchen in der Entwicklung der Nation, gefällt Veser ausgezeichnet. Gut lesbar und anschaulich ist das Buch auch, meint er, auch wenn Hrytsak zeitlich hin- und herspringt, mal vom Ursprung des Landesnamens, dann wieder vom ukranischen Brot erzählt. Der Leser verliert den Faden nicht, versichert Veser, und er versteht am Ende besser die lange Entwicklung der Ukraine zur Nation.

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