Michael Thumann

Eisiges Schweigen flussabwärts

Eine Reise von Moskau nach Berlin
Cover: Eisiges Schweigen flussabwärts
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406830037
Gebunden, 284 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Michael Thumann legt einen sehr persönlichen Reisebericht vor, in dem er die erneute Teilung Europas mit eigenen Augen erkundet. Er beschreibt in eindringlichen Reportagen und Augenzeugenberichten seinen Weg aus Moskau heraus über die schwer bewachten Außengrenzen Russlands, erst nach Osten Richtung Zentralasien, dann nach Westen über die baltischen Staaten und Polen nach Deutschland: von Moskau nach Berlin, mitten durch den neuen Eisernen Vorhang hindurch. Thumann nimmt uns mit zu endlosen Befragungen an Grenzübergängen, er besucht russische Flüchtlinge in den Nachbarstaaten, er kommt auf seinem Weg von Ost nach West mit Menschen aus ganz Osteuropa zusammen und schildert ihre Ängste vor Russlands Revanchismus und Kriegslust. Oder ihre vorauseilende Unterwerfung angesichts von Putins unaufhörlichem Expansionsdrang. Thumann blickt dabei auch auf die eigene Familiengeschichte, den Mauerfall und seine zerplatzten Träume in der Putin-Ära zurück. Er spürt den Gründen für das prekäre deutsch-russische Verhältnis in der Geschichte und Gegenwart nach.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.06.2025

Rezensent Cord Aschenbrenner atmet auf: Michael Thumanns Buch, eine Reportage über seine Ausreise aus Russland, schlägt nicht den Weg des "gemütlichen Korrespondentenbuchs" ein. Zwar gehe es etwas "anekdotisch" damit los, dass Thumann in Moskau vom Fahrrad aus vielleicht Putin in seiner Limousine erspäht hat, aber dann widme sich der langjährige Zeit-Korrespondent den handfesteren und belastenden Dingen: mit vielen aus Russland ausgewanderten Menschen hat er gesprochen, auf einem umständlichen Reiseweg von Moskau nach Berlin, der über abgelegene Routen und offene Grenzübergänge führt: Narva, Lettland, Litauen, Danzig, zählt Aschenbrenner auf. Wie Thumann dabei auf ausufernd lange Befragungen an der Grenze zu sprechen kommt, vor allem aber Putin-kritische Begegnungen zu Wort kommen lässt und dabei die zunehmende Abschottung und das Schweigen Russlands beleuchtet, findet der Kritiker "unterhaltsam und kenntnisreich" - und trotzdem ganz im Eindruck, dass es eine "Belastung" ist, als Deutscher als Russland zu berichten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.04.2025

Ein "verwegener Reisender" ist Michael Thumann, Russland-Korrespondent der Zeit und Autor dieses Buches über eine abenteuerliche und aufschlussreiche Reise nach Russland, hält Rezensent Martin Tschechne fest. Thumann sei mit dem Fahrrad unterwegs und stoße auf dem Weg nach Kaliningrad sowohl an Grenzen physischer als auch metaphysischer Art, militärische Sperrgebiete sind ebenso Teil der Reise wie LKW-Fahrer, die keine Güter mehr aus Deutschland importieren. Wenn Immanuel Kant von seiner Heimatstadt Kaliningrad (damals Königsberg) kurzerhand zum Russen erklärt und dessen kategorischer Imperativ als Rechtfertigung für den Angriffskrieg in der Ukraine herangezogen wird, liest sich das "grotesk" - zeigt es doch, wie die jahrzehntelange Arbeit der Annährung zwischen Deutschland und Russland durch Putin zunichte gemacht wird. Der Autor hingegen widmet sich dem Kritiker zufolge mit großem Interesse und ausgeprägter Themenkenntnis den Menschen, denen er begegnet - ein nachspürendes, wichtiges Buch, resümiert er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.04.2025

Ein erhellendes Buch, wenn nicht gar ein Weckruf: So beschreibt Rezensent Michael Hesse Michael Thumanns Buch über das Russland der Gegenwart. Der Russland-Korrespondent der Zeit unternimmt darin, erfahren wir, eine Reise von Moskau nach Berlin, auf dem Weg besucht er außerdem unter anderem Georgien und die baltischen Staaten. Hesse skizziert das düstere Bild, das der Autor auf diese Weise entwirft, von einem neuen geteilten Europa, das wieder von Konflikten gekennzeichnet ist, von denen man gedacht hatte, dass sie der Vergangenheit angehören. Schuld daran trägt in erster Linie, stellt Hesse mit Thumann klar, Wladimir Putin, der seit geraumer Zeit alles dafür tut, Russland vom Westen zu entfremden und sein Land in ein hermetisch abgeschlossenes Reich verwandelt, in dem Europa nur noch als Feindbild präsent ist. Auch auf den Ukrainekrieg geht Thumann ein, außerdem geht es darum, wie schwer journalistische Arbeit in Russland inzwischen geworden ist. Besonders beeindruckt den Rezensenten, wie Thumann die fürchterliche Situation der Gegenwart mit den Hoffnungen der Vergangenheit kontrastiert, als die Russen noch neugierig waren auf den Westen. Abschließend empfiehlt Hesse: man lese dieses Buch, um zu erkennen, dass es derzeit um nichts Geringeres geht als um die Freiheit Europas.

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