Mila, dreißig, geht offline. Zu groß ist plötzlich die Angst vor der öffentlichen Sichtbarkeit. Jede gelöschte Spur im Netz ist ein Akt der Befreiung, gleichzeitig gelingt es Mila nicht, sich einzureden, dass die neue Yogaroutine erfüllender ist als der morgendliche Smartphonecheck. Die nostalgisch wiederentdeckte Langeweile wird schnell zu tiefer Einsamkeit. Sie teilt ihr Leben nicht mehr, aber niemand teilt es jetzt so richtig mit ihr, seit ihr Lebensstil mehr Gemeinsamkeiten mit dem von Emily Dickinson als dem ihrer alten Freundinnen hat. Doch der Drang, den schwerelosen Zustand vollkommenen Verschwindens zu erreichen, wird immer zwanghafter.
"Vielschichtig und relevant" ist Jenifer Beckers Romandebüt, findet Rezensent Simon Sahner. Die 30-jährige Mila löscht im Pandemiewinter 2021 alle Social Media Apps von ihrem Handy und tilgt biographische Informationen über sich selbst aus dem Internet - ein normaler Digital Detox, vermutet Sahner zuerst. Doch dann wird diese Flucht aus dem Digitalen zur Obsession, erklärt er: Mila geht auch dann nicht mehr aus dem Haus, als die Pandemie vorbei ist, sie fürchtet, Bilder von ihr könnten im Netz landen. Laut Kritiker geht es Becker aber nicht um eine pauschale Verdammung des Internets, sondern um eine "differenzierte Betrachtung der Gegenwart". Die nüchterne Sprache und die Ich-Perspektive lassen Sahner in die Gedanken der Protagonistin eintauchen und das Abschweifen in die Obsession gut beobachten - ein gelungenes Debüt, das nicht versucht einfache Antworten zu geben, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.08.2023
Interessiert liest Rezensentin Lisa Berins Jenifer Beckers Romandebüt über eine 30 Jahre alte Frau, Mila, die den Versuch unternimmt, sich von digitalen Datenströmen abzukapseln, weil sie Angst davor hat, gecancelt zu werden. Die Hoffnung auf ein glückliches Leben in analoger Langeweile erfüllt sich nicht, lernen wir, vielmehr sieht sich die Protagonistin von ihrem Freundeskreis abgekapselt und entwickelt außerdem zunehmend paranoide Züge. Ein elegant konstruierter Roman, resümiert die Rezensentin, der Kritik an Technik und Gesellschaft, beziehungsweise an der digitalen Ausweglosigkeit übt.
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