Jerzy Jedlickis glänzend geschriebene Geschichte der Verzweiflung und des Kulturpessimismus ist eine spannende Lektüre: Der polnische Historiker zeichnet nach, unter welchen Ängsten die Intellektuellen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts zu leben hatten. Einsicht in Schattenseiten des Fortschritts entstand keineswegs nur an den europäischen Peripherien. Auch im viktorianischen England oder im Frankreich des Fin de siecle erkannten viele Denker, dass "die Zeit des Fortschritts in mancher Hinsicht eine Zeit des Rückschritts ist, und die schöne neue Welt, die von den Propheten der Moderne angekündigt wird, sich als eine Welt der Unsicherheit und der Krise herausstellt" (Jerzy Szacki). Jedlicki macht demgegenüber klar, dass "die permanente Krise die Voraussetzung für die Entwicklung der europäischen Zivilisation darstellt und dass in jeder Phase ihrer Geschichte die Kritiker der Moderne meinten, dass es eine Krise, wie sie sie gerade erfuhren, nie zuvor gegeben habe".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2008
Rezensent Daniel Jütte gefällt die Analyse der gesellschaftlichen Krisendiskurse des 19. Jahrhunderts, die der polnische Autor Jerzy Jedlicki geleistet hat. Er ist angetan von der "konsequent europäischen" Perspektive des Autoren und seiner "eleganten und mitunter ironischen Argumentation". Krisenrhetorik betrachtet Jedlicki damals wie heute mit Skepis, sieht jedoch interessantes Potenzial im "Modus des ehrlichen Zweifelns". Ein paar Irritationen gab es bei der Lektüre für Jütte aber trotzdem. Zum Beispiel irritiert den Rezensenten der Umstand, dass Jedlicki seinen eigenen, ganz unnötigen Krisendiskurs anfängt, und zwar durch eine "schroffe Gegenüberstellung von 'infantiler' Populärkultur und Streichquartett" in der Gegenwart.
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