Im Herzen der Katze
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432488
Gebunden, 253 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Es ist Nacht in Südfrankreich. Jina sitzt an ihrem Schreibtisch, das Telefon in der Hand. Im Sekundentakt aktualisiert sich ihr Instagram-Feed. Sie liest: "Jina Mahsa Amini wurde in Teheran von der Sittenpolizei ins Koma geprügelt." Im nächsten Moment begreift sie: Die junge Frau, die so heißt wie sie, ist tot. Im Feed folgen die Bilder: der Protestzug Tausender Menschen auf den Straßen, Mädchen und Frauen, die ihre Haare unverdeckt tragen, darunter auch Jinas Schwester Roya und ihre Nichte Nika.Was als Versuch beginnt, die Gegenwart zu begreifen, wird zur Reise in die Vergangenheit. Denn die Ereignisse wecken in Jina Erinnerungen an ihre eigenen Aufenthalte im Iran: an die Gastfreundschaft der Menschen, den reich gedeckten Tisch der Tanten, die Begegnungen im Sammeltaxi, den Roadtrip zu Zarathustras Feuertempel in Yazd - und an eine geheime Liebe. Aber auch an die Proteste während der Grünen Bewegung 2009, an denen Jina teilnahm und die zur einschneidenden Lebenserfahrung wurden.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2025
Jina Khayyer ist eine deutsche Autorin mit iranischer Abstimmung, so auch die Protagonistin ihres Romans, erzählt Rezensentin Louise Otterbein von der autofiktionalen Geschichte. Ausgang des Romans ist der September 2022 im Iran, Jina telefoniert mit ihrer Schwester Roya, die in den Iran zurückgekehrt ist und nun Hoffnung hat, die Proteste könnten langfristig Änderungen bedingen, erfahren wir. Jina erinnert sich Otterbein zufolge daraufhin an ihren Besuch im Iran 2000, die Suche nach ihren Wurzeln zeigt nicht nur zahlreiche Überkreuzungen zwischen der Heimat und dem Westen, beispielsweise durch Tanten, die Virginia Woolf lieben, sondern auch, dass den Frauen im Iran die Freiheit fehlt. Die kleinen Rebellionen und die große Gefahr, die damit einhergeht, schildert Khayyer laut der Kritikerin mit überraschender Poesie, wenn sie Redewendungen aus dem Farsi ins Deutsche überträgt und statt Danke Ausdrücke wie "Deine Zunge ist in Liebe getaucht" nutzt. Manchmal ist das ein wenig holprig, aber gerade durch die überraschenden Momente lohnenswert, wie sie schließt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 02.08.2025
Kritiker Carsten Hueck liest in Jina Khayyers Debütroman von einem Iran der Gegensätze, von Personen, die sich frei fühlen wollen, frei Musik hören und Bücher lesen, aber bei den Versuchen, ihre - auch sexuelle - Identität auszuleben, von einem repressiven Staat unterdrückt werden. Im Zentrum des Romans steht Jina, die 2022 von der Ermordung Jina Mahsa Aminis hört und sich mit ihrer im Iran lebenden Schwester in Verbindung setzt - das ist der Rahmen, um über ihre eigene Iran-Reise 2009 auf der Suche nach den eigenen Wurzeln nachzudenken. Die queere Protagonistin beobachtet den facettenreichen iranischen Alltag als Außenstehende, aber mit Spannung, so auch Hueck bei der Lektüre. Ihn stört allerdings, wie holzschnittartig die Figuren geraten sind - ihm kommt das Buch vor wie eine "schmerzliche Solidaritätsadresse" von einer Frau, die eben nicht selbst im Iran lebt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 31.07.2025
Auch wenn man sich gut mit dem Iran auskennt, wartet der autofiktionale Roman von Jina Khayyers für Rezensentin Susan Vahabzadeh mit einigen Überraschungen auf, so lernt sie zum Beispiel, dass in Teherans Theatern viele Stücke von Bertolt Brecht aufgeführt werden. Um die Brecht-Liebe der Mullahs geht es aber nur ganz am Rande, eigentlich stehen die iranischen Frauen im Fokus: Die Geschichte beginnt in der Nacht, in der die junge Jina Mahsa Amini von den Revolutionsgarden ermordet wurde und die Proteste der "Frau, Leben, Freiheit" - Bewegung" ausbrechen, handelt aber in weiten Teilen von einer Reise der Erzählerin durch den Iran im Jahr 2000. Khayyers Protagonistin, die wohl nicht umsonst den Vornamen der Autorin trägt, trifft in Teheran ihre Schwester und Freundinnen, allesamt westlich orientiert, ihre Schleier werfen sie ab, sobald sie unter sich sind. Jina flirtet mit einer jungen Frau, die sie erst für einen Mann hält - für "lesbisch" gibt es in Farsi aber kein Wort. Die Verbindung zwischen den iranischen Frauen und der westlichen Kultur ist für die Kritikerin der zentrale Aspekt dieses Romans, der immer wieder daran erinnert, dass sich die Großmütter der hier beschriebenen Frauen noch frei im Mini-Rock bewegen konnten. Es gibt für Vahabzadeh einige kleine Irritationen in der Erzählung, eine etwas gezwungene Übertragung von iranischer Poesie ins Deutsch zum Beispiel. Das sind aber nur Kleinigkeiten, insgesamt hat die Kritikerin ein packendes Buch gelesen, das zeigt: Nur wenn die iranischen Frauen frei sind, können alle im Iran frei sein.