Religion und moderne Lyrik besitzen gemeinsame Wurzeln, sie kommen aus demselben Haus und sind unter dem gleichen Horizont groß geworden, doch ist es zu einer Entfremdung gekommen. Johann Hinrich Claussen hat 80 Gedichte aus dem 20. Jahrhundert ausgewählt und sie biblischen Texten, vor allem Psalmen, gegenübergestellt. Was er mit diesen Gegenüberstellungen anstrebt, ist eine Wiederbegegnung von Religion und moderner Lyrik. Gleichberechtigt stehen sie sich gegenüber, haben ihren eigenen Ton, ihre eigene Aussage. Aber etwas ist da, das sie auf ihren Gegentext beziehbar macht: ein Motiv, eine Stimmung, eine Frage, eine Geschichte. So entstehen Spiegelungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2004
In der knappen Rezension der Anthologie, in dem der Autor Johann Hinrich Claussen jeweils Bibeltexte Gedichten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüberstellt und mit "Glossen" kommentiert, zeigt sich Esther Kilchmann nicht überzeugt. Zunächst hätte sie sich mehr "Überraschungen und Entdeckungen" bei der Auswahl der Gedichte gewünscht und nicht nur die erwarteten Lyriker wie Enzensberger, Bachmann oder Neruda. Zudem sind ihr die "Bezüge" zwischen den Bibelstellen und den Gedichten mitunter viel zu "lose" und des öfteren sogar überhaupt nicht "nachvollziehbar". Kilchmann stört die "Beliebigkeit der Auslegung", die der evangelische Theologe Claussen an den Tag legt, weshalb sie von dieser Anthologie enttäuscht ist.
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