Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2002
Winckelmann habe wenig über Architektur geschrieben, doch das wenige sei von großer Bedeutung für die Architekturgeschichte, behauptet Christine Tauber in ihrer Rezension über Winckelmanns neuedierte "Schriften zur antiken Baukunst", die, versehen mit einem vorzüglichen und umfangreichen Kommentarteil, Eingang in die Stendaler Winckelmann-Ausgabe gefunden haben. Zentral sind für Tauber Winckelmanns "Anmerkungen über die Baukunst der Alten", in denen er ziemlich trocken und ziemlich unsystematisch, wie Tauber schreibt, seinen historisch orientierten Ansatz entwickelt. Der Text enthalte viele "Einzelbeobachtungen von hoher Spitzfindigkeit". Dennoch: Winckelmanns Würdigung der dorischen Tempel von Paestum schrieb laut Tauber Architekturgeschichte. Fortan sei vom Primat der möglichst geraden Linie die Rede gewesen, und Winckelmanns Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Akzidentiellen in der Baukunst zog nach sich, dass fortan zwischen Struktur und Ornament streng getrennt wurde. Die Front gegen barocke Spielereien und Ausschweifungen war eröffnet, schreibt Tauber. Irritiert zeigt sich die Rezensentin, wie sehr Winckelmann auf Maße, Zahlen und Baumaterialen fixiert war. Als sei er sich, schreibt Tauber, nachdem er die antike Bautheorie durcheinandergerüttelt habe, der Fundamente der eigenen Theorie nicht mehr ganz sicher gewesen.
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