Mit 26 Abbildungen. Können Bilder Macht auf ihre Betrachter ausüben? In seiner neuen Bildtheorie zeigt Leibniz-Preisträger Johannes Grave, dass Bilder uns in zeitliche Prozesse verstricken, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen, aber neue Denkräume eröffnen. Vor allem durch ihre Struktur und Gestaltung beeinflussen Bilder die Wahrnehmung und damit auch unsere Zeiterfahrung erheblich. Das Buch ist ein Plädoyer dafür, sich beim Blick auf Bilder Zeit zu nehmen und sich ganz in ihren Bann ziehen zu lassen.Bei der Betrachtung von Bildern wird dem Faktor Zeit meist keine besondere Bedeutung beigemessen. Anders als bei einem Text scheint beim Bild alles auf den ersten Blick gegenwärtig zu sein. Tatsächlich aber sind in Bildern verschiedene Zeitebenen miteinander verschränkt - so z. B. die Zeitspanne, die man vor dem Werk verbringt, die im Bild dargestellte Zeitlichkeit oder die Alterung des Bildträgers. Die Wahrnehmung von Bildern lässt sich daher nicht als simultane Schau eines gegebenen Ganzen verstehen, sondern vollzieht sich in einer eigenen Zeit. Dabei kann das Sehen vorgezeichneten Spuren folgen oder auch aus einer Fülle von Angeboten auswählen. Johannes Grave geht der Frage nach, wie Bilder die Zeit ihrer Betrachtung auf eine Weise beeinflussen, die sich vom Blick auf andere Dinge und von der Lektüre eines Textes unterscheidet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2022
Rezensent Karlheinz Lüdeking empfiehlt das Buch von Johannes Grave über die Bildbetrachtung zur Diskussion nicht nur in kunstgeschichtlichen Kreisen. Zu erfahren ist vom berufenen Fachmann einer rezeptionsästhetischen Theorie laut Lüdeking, inwieweit die Betrachtung eines Bildes von einer zeitlichen Dynamik getragen wird, in die verschiedene Akteure, Kontexte und Kompetenzen hineinspielen, die die Rezeption zu einem kreativen Akt machen. Mit Kemp, Latour und philosophischer Phänomenologie geht der Autor dabei zu Werke, erklärt der Rezensent, der im Text ein wenig die "konkrete Analyse" vermisst und noch mehr vielleicht das konkrete Objekt der Betrachtung - Bilder von Klee und Bellini etwa, an der sich Graves "interessante" Beobachtungen exemplifizieren ließen.
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