Aus dem Amerikanischen von Monika Niehaus und Jorunn Wissmann. Warum fühlt es sich oft so an, als würde die Hälfte der Bevölkerung in einem anderen moralischen Universum leben? Warum bedeuten "Gerechtigkeit" und "Freiheit" für verschiedene Menschen so unterschiedliche Dinge? Warum geraten wir ständig wegen unserer Weltanschauungen aneinander, selbst wenn wir im Grunde dasselbe wollen?Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt zeigt: Die Antwort liegt in unserer Moral - die weit weniger auf Rationalität und Logik gründet als auf Intuition und Sozialtrieb. Moral bringt uns dazu, individuelle Interessen zu überwinden und mit anderen zu kooperieren; zugleich aber macht sie uns blind für die Perspektiven anderer Gruppen. So haben sich im Lauf der Evolution und Geschichte zwischen Gemeinschaften und Kulturen sehr unterschiedliche moralische Intuitionen herausgebildet. Haidt erklärt, wie diese uns sozial binden, aber auch blenden, etwa im politischen Dauerstreit zwischen Progressiven und Konservativen.
Rezensent Günter Kaindlstorfer lernt von Jonathan Haidt, anders auf die Welt zu blicken. Der Sozialpsychologe Haidt schreibt über Moral aus einer evolutionstheoretischen Perspektive. Das Denken und Handeln in unserer Gegenwart ist nicht nur von der Konkurrenz zwischen einzelnen Individuen bestimmt, wie es etwa die Wirtschaftswissenschaften oft lehren, sondern auch von der Konkurrenz einzelner Gruppen, liest der Kritiker. Eben hier kommt Moral ins Spiel: Es war evolutionär für Menschen oft wichtig, was andere Gruppenmitglieder über sie denken. Haidt präpariert im Folgenden sechs einigermaßen stabile Grundprinzipien der Moral heraus - und zeigt dabei auch auf, warum sich linke Parteien in der Gegenwart oft schwer tun. Denn für Linke ist nur jener Teil dieser Maßstäbe relevant, der sich auf Gerechtigkeitsfragen bezieht, während, zum Beispiel, die moralische Achtung von Autorität von Linken abgelehnt werde. Alles sehr aufschlussreich, findet Kaindlstorfer.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 17.04.2026
Rezensentin Susanne Billig lernt mit dem Buch des Sozialpsychologen Jonathan Haidt Wissenswertes über die Entstehung von moralischen Urteilen. Dass Moral mehr mit dem Bauch als mit dem Verstand zu tun hat, versucht der Autor laut Billig u.a. zu belegen, indem er evolutionsgenetische Theorien heranzieht. Für Billig nicht immer überzeugend, aber allemal interessant. Haidts Referenzpunkt, die Tea-Party-Bewegung, findet Billig zwar etwas überholt, das Buch lässt sich aber auch auf aktuelle Entwicklungen beziehen, meint sie. Medienmacht oder Desinformation, auch Einflussfaktoren für moralisches Handeln, kommen im Buch nicht vor, bedauert Billig.
Der Moralpsychologe Jonathan Haidt argumentiert in seinem Buch, das schon vor zwanzig Jahren erschien, dass sich Angehörige politischer Lager oft so unversöhnlich gegenüberstehen, weil sie von unterschiedlichen "moralischen Grundlagen" ausgehen. Nun wurde das Buch ins Deutsche übersetzt und Haidt erklärt im SZ-Interview, warum seine Theorie heute noch Gültigkeit hat: "Demokratie ist ein Gespräch. Aber als es in die sozialen Netzwerke übersiedelte, verfiel es in ständigen Krieg. Wer geradewegs auf die Gegenposition zumarschiert, wird abgeschossen. Aber ein Gespräch kann wie eine Reise sein: Man startet an einem Ort, und am Ende fühlt man sich anders zueinander. Moralische Intuition kommt immer zuerst, bevor Argumente eine Chance haben. Deswegen braucht es erst eine soziale Verbindung, etwas Nähe und daraus resultierendes Vertrauen. Dann sind Fragen möglich: Wie sind Sie zu dieser Haltung gekommen? Bringen Sie andere zum Reden. Wenn Sie wirklich gut zuhören und ein paar Punkte anerkennen, werden Gesprächspartner dasselbe tun." Unser Resümee
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