Judith Schalansky

Marmor, Quecksilber, Nebel

Woraus die Welt gemacht ist
Cover: Marmor, Quecksilber, Nebel
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN 9783518432013
Broschiert, 176 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block, einem fast 17 Tonnen schweren Ungetüm aus massivem Marmor. Noch Monate nach der verhängnisvollen Begegnung auf einer Fähre vor der Insel Thassos lässt der Stein Judith Schalansky nicht los und führt sie auf eine schneeweiße Fährte in die Marmorbrüche und Bildhauerei-Ateliers, durch die dunkle, oft gewalttätige Geschichte von Materialgewinnung und Weltaneignung. Ein Workshop an der Kunsthochschule von Guadalajara wiederum gerät zu einer tollkühn-quecksilbrigen Performance als Apologetin der Buchkultur. Und die Rekonstruktion einer lang zurückliegenden Besteigung des meist nebelverhangenen Brockens verdichtet sich zu einer Enzyklopädie der Undurchsichtigkeit, die das Erhellende im Ungewissen sucht. Wie immer bei Judith Schalansky geht es in ihrem neuen Buch um alles: den Nährwert von Marmorschweinen, das Gewicht der Erde, den Belegungsplan der Arche Noah, die Wahrhaftigkeit mexikanischen Wrestlings oder das Brockengespenst - um Phänomene also, in denen sich die widerspenstige Wirklichkeit spiegelt und vervielfacht. Ihre drei windungsreichen, immer überraschenden Texte, mal Essay, mal Erzählung, erkunden mit spielerischer Präzision die materiellen Bedingungen des Lebens und nicht zuletzt des eigenen Schreibens.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.05.2026

"Mit großer Grazie" wandelt Judith Schalansky zwischen den Gattungen und Disziplinen, hält der angetane Rezensent Helmut Böttiger fest, der ihre Poetikvorlesungen liest, die mehr sind, als das Label verspricht. Sie schreibt stets gleichzeitig erzählend und analytisch, wenn sie die drei im Titel genannten Arten von Materie heranzieht, um sich die Welt zu erklären, was zu allerhand Assoziationen und "poetischen Reizen" führt, wie Böttiger preist. Der Marmor, den sie auf einer Fährfahrt erblickt, stellt zugleich die Frage, was Kunst ausmacht und verweist auf antike Mythen, eine Vielfalt, die sich auch im Quecksilber und im Nebel wiederholt. Den Traum von Ada Lovelace, eine "poetische Wissenschaft" zu betreiben, den verwirklicht Schalansky hier auf höchst anregende Weise, resümiert der zufriedene Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.05.2026

Ziemlich eindrucksvoll und überzeugend findet Rezensent Lukas Böckmann die Idee von Judith Schalansky, sich die Weltgeschichte aus einzelnen Gegenständen herzuleiten, angefangen bei einem Marmorblock, den sie auf eine Fährfahrt im Morgenlicht schimmern sieht. Von da aus setzt sie in diesem Buch, das auf ihren Frankfurter Poetikvorlesungen basiert, an, mittels dieser Stofflichkeiten die inneren Zusammenhänge der Welt zu erkunden: Der Marmor führt sie von Thassos und Ovid über Marmorstatuen von Frauen zu Gisèle Pelicot, schildert Böckmann. Dieses "mäandernde Verfahren" setzt sich auch im zweiten Kapitel fort, in dem das Quecksilber das Motiv bildet, später ist es der Nebel, beide lassen Wissen und Assoziationen in ihrem Text wachsen, wuchern und entfalten, dadurch wird zwar vielleicht nicht die ganze Welt erschließbar, so der Kritiker, aber doch schafft Schalansky hier einen äußerst interessanten neuen Blick, dem er gerne folgt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2026

Rezensent Paul Jandl liebt es, wie Judith Schalansky noch die wildeste Assoziationskette zu einem überzeugenden Text schmiedet. Von griechischem Marmor gelangen die im Band zu findenden, auf Schalanskys Frankfurter Poetikvorlesungen zurückgehenden Texte zu Pygmalion und weiter zum englischen "pig". Dass Schalanskys essayistisches Schreiben selbst wie Bildhauerei funktioniert, indem die Autorin aus einem undefinierten Block etwas fein Ziseliertes, etwas Konkretes schafft, gehört zu Jandls Erkenntnissen dieser Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2026

Rezensent Nico Bleutge ist nicht immer der größte Fan vom Genre Poetikvorlesung, aber Judith Schalansky meistert es, freut er sich, ganz vorzüglich. In ihrer Vorlesung, die nun in einer klug verschriftlichten Form vorliegt, widmet sie sich den drei Materieformen des Titels, die sie untersucht und in Beziehung zu ihrem Schreiben setzt. Bleutge konzentriert sich in seiner Besprechung auf das erste Material, den Marmor, der Schalansky an ihrem Arbeitsplatz, der Staatsbibliothek, ebenso begegnet wie auf einer Schifffahrt in Griechenland. Die Autorin spürt dem Marmor in diversen semantischen Feldern nach, mal phänomenologisch, mal mit Blick auf die Alltagssprache, auch Marmorstatuen kommen vor. Der Quecksilber-Abschnitt gefällt Bleutge nicht gar so gut, es fehlt das Giftige; dafür ist das Nebel-Kapitel wieder grandios, weil es Schalansky gelingt, ausgehend von Nebel-Zitaten ihre eigene Sprache zu vernebeln. Ein großes Buch ist das schlichtweg für den Rezensenten, auch weil Schalanskys Prosa bei aller Brillanz nie zum Selbstzweck wird und sich wie nebenbei an den großen Fragen unserer Zeit abarbeitet, von Umweltzerstörung bis KI und männlicher Gewalt.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.04.2026

Begeistert mäandert Michael Pilz über seine Lektüre hinweg, ohne eigentlich zu benennen, was Schalansky in ihrem Buch macht. Sie ist jedenfalls die deutsche Naturschreiberin par excellence, stellt er am Anfang klar. Und bei ihr gibt es zum Glück nicht dieses spezifisch deutsche Waldweben, diese Naturmystik, in der selbst Kulturlandschaften zur Natur erklärt werden. In diesem Buch verlässt sie die Welt der Tiere und der Pflanzen und begibt sich ganz hinab (darf man so sagen?), ins ganz und gar Stoffliche. Am Anfang war nicht das weiße Blatt in ihrem Schreiben, sondern der weiße Block, der Marmor, aus dem heraus sie ihr Werk nun formt, so Pilz - aber nur im Sinne einer Idee, die (nach Novalis) in diesem Stoff schon enthalten sei. Bestimmt eine sehr anregende Lektüre.

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