Die Kunst ist zahm geworden, oft nicht mehr zu unterscheiden von beliebigen Konsumgütern, so Karl Heinz Bohrer in seiner Streitschrift. Mit Verve und Gelehrsamkeit verteidigt er sie gegen eine Kulturwissenschaft, die im Kunstwerk nur mehr einen Abklatsch der gesellschaftlichen Verhältnisse sieht, gegen ein Regietheater, das die Kraft großer Stücke auf simple Belehrungen des Publikums reduziert. Dass die Ästhetik der Kunst sich gerade gegen die alltägliche Wahrnehmung der Welt richtet, dass ein Kunstwerk nie vollständig zu erklären ist, spielt im Trubel des sogenannten Kulturbetriebs keine Rolle mehr. Der Begriff der Illusion beschreibt für Bohrer dabei den Wesenskern aller Kunst.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.04.2015
Rezensent Michael Stallknecht lässt es sich gefallen, wenn Karl Heinz Bohrer in seinen Essays den deutschen Kunstspießer angeht, also den Bildungsbürger, der die Kunst mit Hegel auf die Wahrheit verpflichten will, auf ihre Realitätstüchtigkeit, auf die "Moral der Geschichte". Bohrer, erklärt Stallknecht, hält es eher mit der Illusion, mit dem Schönen, aber auch mit der "Ästhetik des Schreckens". Seine Bezugsgrößen sind Novalis, Baudelaire, Nietzsche natürlich und Musil, der Kunst als "blitzartige Glückstiefe" begreifen wollte. Stallknecht geht damit nicht unbedingt d'accord, er glaubt sogar, dass sich Bohrer in seinem Kampf gegen das "antiillusionistische Ressentiment" vergaloppiert, aber er würdigt den Ritt als "singulären" Versuch, Kunst nicht aus der Interpretation zu begreifen, sondern aus ihrem Vollzug.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.03.2015
Ganz recht ist Wolfgang Sofsky nicht, was Karl Heinz Bohrer hier mit der Kunst anstellt. Ästhetische Erfahrung als wahrheitsfern zu definieren, wie es der Autor in den hier versammelten Essays und Aufsätzen aus jüngerer Zeit unternimmt, scheint ihm gar nicht nötig, es errichtet "unnötige Deutungsbarrieren", meint Sofsky. Auch wenn allzu plumpe Aktualisierung durchaus Empfindungen zunichte machen kann, wie Sofsky einräumt, Bohrers Abwehr "kunstfremder Übergriffe" mag er nicht unterschreiben. Dazu verleiten ihn auch nicht Bohrers Gewährsleute von Brentano bis Kleist und Ovid.
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