Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Roman

Edition Nautilus, Hamburg 2025
ISBN
9783960544692
Gebunden, 200 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Thüringen, Ende der 70er Jahre. In einem Heim für behinderte Jugendliche beschließen vier Freunde, die sich kaum bewegen können: Wir brechen aus. Von Rente und Pflegegeld wollen sie sich Pfleger finanzieren, ein Haus bekommen sie von der Kirche - das alte Pfarrhaus in Hartroda, im Altenburger Land. So beginnt die Geschichte einer Kommune, die völlig aus der Zeit und aus dem Land gefallen ist. Die einen bekommen Hilfe, die anderen Asyl - vor der Schinderei im Staatsbetrieb, vor einem Leben im stupiden Kreislauf von Arbeiten, Saufen, Schlafen. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in der alles geteilt wird - Geld und Bücher, Platten und Bier, aber auch alle Gebrechen. Eine Gemeinschaft der Aussortierten, die sich mit Witz und Chuzpe das Undenkbare erkämpft: ein selbstbestimmtes Leben, vielleicht sogar Freiheit. Unter dem Schirm der Kirche wird sie, so scheint es zumindest, vom DDR-Apparat in Ruhe gelassen.Intellektueller Kopf der Gemeinschaft ist Gruns. Er wird vom schweigsamen Mozek gepflegt, der vom Dachboden aus internationale Fernschachturniere bestreitet und sich über seine Vergangenheit bedeckt hält. Denn Mozek, ehemaliger Grenzer, ist auf der Flucht vor der eigenen Schuld.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 08.11.2025
Rezensent Cornelius Wüllenkemper staunt über Karsten Krampitz' eigenwilliges Buch. Der "Kenner der Widerstands- und Kirchenszene der späten DDR" widmet sich darin halb historisierend, halb fiktionalisierend einer Subkultur der DDR, nämlich der Schwerbehindertenkommune Hartroda, die 1978 in Nordthüringen von Matthias Veraldi (im Roman: Marko Grunstetter, kurz "Gruns") gegründet wurde, mit dem Traum, ein freies, selbstbestimmtes und unüberwachtes Leben zu führen - was auch etwa Punks oder Kriegsdienstverweigerer anzog. Wie Krampitz das Leben dort schildert, als ein "ursprünglich christlich grundiertes, dann aber zunehmend weltlich-lustbetontes", findet der Kritiker überwiegend anregend, nur manchmal etwas "kokett direkt", wenn Gruns sich etwa arg freimütig über das Thema Selbstbefriedigung auslässt. Auch die Fiktionalisierungen - zum Beispiel die Umgestaltung der realen Hochzeit zwischen einem Punk und einer Schwerbehinderten - können durchaus etwas "akrobatisch" ausfallen, meint Wüllenkemper. Trotzdem lobt er die literarische Verdichtung, das "leichtfüßige Parlando" und die Sachkenntnis des Autors, die ihn vor der Romantisierung bewahre.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 25.10.2025
Rezensent Fokke Joel liest einen großartigen Roman über seltene Freiräume in der DDR: Karsten Krampitz hat über eine Gruppe von Menschen mit Behinderung geschrieben, die in ein leerstehendes Pfarrhaus ziehen und dort eine ungewöhnliche Gemeinschaft bilden. Sie können frei diskutieren, schnell taucht eine Band auf, die in der Scheune proben darf und sich dafür ein wenig um die Pflege der an progressiver Muskeldystrophie Erkrankten kümmert. Einfach ist das nicht, meint Joel. "Furios" schreibt Krampitz ihm zufolge über die Schwierigkeiten, wenn unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinandertreffen, und mit Ironie und Witz über verschiedene Auffassungen von Freiheit diskutieren. Die Geschichte ist realen Begebenheiten nachempfunden, fügt der überzeugte Kritiker noch an.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.08.2025
Einen insgesamt tollen, ungewöhnlichen DDR-Roman legt Karsten Krampitz Rezensent Mark Siemons zufolge hier vor. Er hat einen realen Kern: Eine Kommune von Schwerbehinderten, die sich in den frühen 1980ern in Hartroda in Thüringen bildete und die ihren Mitgliedern ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des realsozialistischen Normensystems ermöglichte. Krampitz verbindet die Chronik dieser Gemeinschaft mit der Geschichte einer fiktiven Figur namens Bernd Mozek, der in der Kommune als Pfleger arbeitet und Schuld mit sich herum trägt. Unsentimental und unkitschig ist dieses Buch geraten, freut sich Siemons, der außerdem über Gruns schreibt, die Hauptfigur des Buches, einen Behinderten, der sich zum Prediger ausbilden lässt, mit seiner eigenwilligen Melange aus Christentum und Sozialismus viele Menschen für die Kommune begeistert und sich außerdem darauf versteht, westdeutsche Gelder in die Gemeinschaft umzuleiten. Mit Respekt und Witz beschreibt Krampitz das alles, so Siemons, der allerdings kritisiert, dass der Roman, wenn er in Richtung Wiedervereinigung voranschreitet, im Anekdotisch-Grotesken verliert. Glücklicherweise, soviel nimmt Siemons am Ende vorweg, bekommt Krampitz zu guter Letzt doch noch die Kurve und beendet seinen Roman gar mit einer hoffnungsvollen Note.