Der westdeutsche Autor Martin Gross lebte 1990 überwiegend in der DDR, um den Niedergang und die Neugestaltung des Landes aus nächster Nähe zu beobachten. In zahlreichen Alltagsnotizen beschrieb er, wie die Menschen den Wechsel vom alten in das neue System vollzogen. Er porträtierte so unterschiedliche Personen wie den Bewacher eines ehemaligen Stasi-Gefängnisses, den Filialleiter eines der neuen Supermärkte, die Heizer eines Kraftwerks, die Personenschützer eines Ministers und die Reinigungskräfte eines Regierungsgebäudes. Sein Buch "Das letzte Jahr" erschien 1992 bei BasisDruck Berlin, geriet dann aber in Vergessenheit. 2019 stieß Jan Wenzel bei seinen Recherchen für sein Buch "Das Jahr 1990 freilegen" auf Martin Gross und übernahm viele seiner Aufzeichnungen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2020
Fasziniert ist Tobias Lehmkuhl von diesen zutiefst "melancholisch" eingefärbten Notizen, in denen einer aus dem Westen denen aus dem Osten Deutschlands die enorme Veränderungsnotwendigkeit ihrer Leben nach der Wende beinahe neidet, aber auch schon gleich am Anfang eine ungeheure Müdigkeit im Osten ausmacht. Er sieht beides, Veränderung und Müdigkeit, in den Gesten etwa der Dresdner, überhaupt in den Unterschieden des Auftretens der einen und der anderen. In einem neuen Vorwort bestätigt der Autor seine damalige Beobachtung einer so schnell "verpufften Revolution". Und der Kritiker gratuliert ihm dazu, wie "hellsichtig" er in jenem letzten Jahr der DDR weniger das Ende einer sozialistischen Gesellschaft als den "ultimativen Beginn der Weltwirtschaft" ausgemacht hat und stellt ihn und seine Beobachtungen den großen Flaneuren Kracauer und Hessel zur Seite.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2020
Für den Rezensenten Rene Schlott ist die Wiederveröffentlichung des Buches von Martin Gross aus dem Jahr 1992 ein Glücksfall. Nicht nur, weil der Termin stimmt, sondern weil der Autor darin die Transformationen an der Schwelle zur Wiedervereinigung scharfsinnig offenlegt, wie Schlott findet. In der Form des "tagebuchartigen Briefromans", in einer Mischung aus Reportage und Beobachtung schildert der Autor Straßenszenen und Begegnungen mit "Noch-DDR-Bürgern" in Dresden, ihre Vorstellungen und ihre Adaptionsleistungen, erläutert Schlott. Dass der Chronist seinen Standpunkt als "Wessi" dabei immer mit denkt, hält Schlott für wichtig.
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