Zeit ist seit jeher ein umkämpftes Terrain und ihre Verteilung wird häufig als "Maß der Freiheit" verstanden. Wie viel Zeit wird für Erwerbs- und Reproduktionsarbeit aufgewendet, wie viel steht zur freien Verfügung? Der Sammelband nimmt aus soziologischer und zeitgeschichtlicher Perspektive die gewerkschaftliche Forderung nach Arbeitszeitverkürzungen seit den 1970er Jahren auf breiter Quellenlage in den Blick und skizziert Debatten um betriebliche Arbeitszeiten ebenso wie um Reproduktions- und Care-Arbeit. Konflikte um Arbeitszeiten haben viele Dimensionen. Denn die alltägliche Lebensführung der Beschäftigten wird nicht nur durch die Regulierung der Dauer, Lage und Verteilung von Arbeitszeit beeinflusst, sondern auch durch Verdichtung und Flexibilisierung und Anforderungen von Care-Arbeit. Für Gewerkschaften war und ist es eine ständige Herausforderung, diese Dimensionen in Zeitpolitiken umzusetzen. Debatten früherer Jahrzehnte bieten Ansatzpunkte für aktuelle Konflikte um Arbeitszeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2025
Rezensent Jonas Wagner liest dieses von Knud Andresen, Peter Birke, Svea Gruber, Anna Horstmann und Nicole Mayer-Ahuja herausgegebene Buch mit Gewinn. Der von Historikern und Sozialwissenschaftlern verantwortete Band wendet sich einem Thema zu, das zeigt, dass es bei gewerkschaftlichen Kämpfen nicht immer nur um Arbeitslohn ging. Vielmehr zeigt sich, so Wagner, dass die Arbeitszeit eine ebenfalls zentrale Kategorie für die Beschreibung der gegenwärtigen Arbeitsrealität ist. Konkreter, fährt der Rezensent fort, geht es im Buch um das Paradigma der Flexibilisierung, das ab den 1980er Jahren Arbeitskämpfe und Diskussionen innerhalb von Gewerkschaften dominiert. Unter anderem lernt Wagner vom besprochenen Band, dass in Deutschland die Abwicklung der DDR-Wirtschaft als Brandbeschleuniger des Neorealismus diente, außerdem empfindet er einige historische Passagen als ausgesprochen aktuell. Die im Band vertretenen Autoren arbeiten hier vor allem mit Gewerkschaftspublikationen, teilweise werten sie außerdem qualitative Interviews aus - und eben mit Letzterem ist Wagner nicht immer einverstanden, manchmal werden hier Aussagen so verdreht, dass sie ins Argument passen. Aber das bleibt ein kleiner Einwand in einer insgesamt klar positiven Besprechung.
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