Die Hoffnung, durch Erinnerung an die Opfer der Vergangenheit künftigen Gewaltereignissen vorbeugen zu können, scheint sich nicht erfüllt zu haben. Auch das 21. Jahrhundert hat mit kollektiver Verfolgung und Gewalt begonnen. In den Analysen dieser Gewalt ist die Rede von "ethnischer Säuberung" oder von Gesellschaften, die den Status der "modernen, zivilisierten Welt" noch nicht erreicht haben. Haben sich die Wissenschaften den Herausforderungen, die von kollektiver Gewalt, von Krieg und Genozid ausgehen, wirklich gestellt? Wie lässt sich eine analytische Sprache finden, die Verletzungen nicht überdeckt, sonder sie spürbar werden und bleiben lässt? Die Beiträge des interdisziplinär angelegten Bandes gehen diesen Fragen aus der Perspektive der Geschichts- und Sozialwissenschaften, der Literaturwissenschaft, Philosophie, Psychologie und Psycholinguistik sowie der Medienwissenschaften nach.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.06.2003
Tim B. Müller beschreibt ein Dilemma: "Wissenschaft steht in der Gefahr, die Gewalt, über die sie spricht, fortzuschreiben. Sie kann gar nicht anders, denn jede Ordnung, die sie setzt, ist ein Gewaltakt." Also versuche dieser Band, das perspektivische Spektrum möglichst weit aufzufächern - in der Hoffnung, "der Logik der Gewalt zu entkommen". Nur leider, beklagt der Rezensent, führe der Versuch geradewegs in die Unverbindlichkeit und in "modische Inszenierungen" hinein. Nur zwei Beiträge hebt er als erhellend heraus: In einem gehe es um die "wechselseitige Einverleibung von Kriegserfahrung und poetischer Rede", der andere zeige, wie die antisemitische Propaganda der Nazis - die Gewalt des Redens - direkt in die tatsächliche Gewalt mündete.
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