Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783751810630 Gebunden, 188 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Der lebende Beweis erzählt von einer Frau Mitte 40, die eine zunehmende Entfremdung verspürt - von ihrer Umgebung, ihrer Familie und von sich selbst. Zurückgezogen auf den Dachboden ihres Hauses, blickt sie auf das Dorf, in das sie einst voller Hoffnung gezogen ist. In dem Versuch, die Welt um sich herum und ihre Position darin neu zu begreifen, beginnt sie eine "wissenschaftliche Untersuchung des kollektiven Bewussten und Unbewussten des Ortes".In Begleitung des gewissenhaften Dorfchronisten, der esoterischen Pastorin und zweier Außenseiter begibt sie sich auf eine Reise in die Untiefen des abgelegenen Fleckens. Die Grenzen zwischen Beobachterin und Beobachtetem verschwimmen. Je tiefer sie in die Mechanismen des Dorfes eindringt, desto klarer wird: Ihre Forschung gilt nicht nur dem Ort, sondern auch ihrer eigenen Natur - und der Natur des Menschen überhaupt. Sie selbst wird zur "porösen Stelle", durch die längst verdrängte Gespenster an die Oberfläche drängen. Was als rationale Analyse beginnt, destabilisiert sich zunehmend - denn die Strukturen, die sie zu entwirren sucht, erfassen sie selbst.Der lebende Beweis ist eine Reflexion über soziale Dilemmata und die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Innen und Außen, Individuum und Kollektiv. Formen wir die Welt, oder formt sie uns? Oder ist das überhaupt ein Widerspruch?
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 18.02.2026
Die Schriftstellerin Lola Randl, weiß wovon sie erzählt, wenn sie das Leben von in die Uckermark geflohenen, müden Berliner-Kulturmenschen beschreibt, gehört sie doch selbst dazu, weiß Rezensent Nico Bleutge. Und doch wird er mit ihrem neuen Roman nicht glücklich. Zwar besticht der Roman durchaus durch Feingefühl, wenn Randl ihre Erzählerin das Leben der Dorfbewohner nicht ohne Selbstironie dokumentieren und erforschen lässt, erkennt der Kritiker an. Dass in dem schmalen Buch dann aber noch Dorf- und Familiengeschichte, Kindheit, Halluzinationen, Hexenverfolgung oder die Analyse patriarchalischer Strukturen verhandelt werden, ist dem Rezensenten zu viel des Guten, zumal Randl die Handlung nicht bis zum Schluss stringent handeln kann. Und der "locker-flockige" Präsenz-Stil nervt Bleutge auch.
Dass hinter Löwenzahnblüte und Dorffest oft der Wahnsinn lauert, erfährt Rezensentin Jolinde Hüchtker in Lola Randls neuem Roman, der autobiografisch inspiriert ist: Randl zog von der Großstadt nach Gerswalde in der Uckermark und eröffnete dort ein Gartencafé, was den Dorfbewohnern überhaupt nicht gefiel. Über die Streitigkeiten mit ihnen gibt es auch schon eine Doku, erinnert die Kritikerin, jetzt hat Randl ihre Erfahrungen in einen Roman gepackt. Mit viel Selbstironie verhandelt die Autorin darin die Spannungen zwischen den Einheimischen und dem "Berliner Biobürgertum", das die Mieten hochtreibt und seinen Cappuccino nur aus der Siebträgermaschine haben möchte. Nach vielen Jahren des Kampfes ist die Erzählerin müde geworden, lesen wir, nicht nur ihr Projekt geht ihr auf die Nerven, sondern auch ihre Familie. Zum Zweck der Verdrängung stürzt sie sich in eine Art Forschungsprojekt, in dem sie die "Dorfbewohner typologisiert". An sich ist die Story nicht so spannend, meint Hüchtker, die Sprache macht allerdings den Unterschied: sie ist "suchend", witzig und so "ehrlich resigniert", das die Kritikerin eine durchaus vergnügliche und nachdenkliche Lektüre verbringt.
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