Der bisher als Lyriker bekannte Lutz Seiler legt der Autor ein Buch mit Aufsätzen vor. In "Heimaten" etwa erzählt er von seiner Herkunft aus einem ostthüringischen Dorf und deren Aufscheinen im Gedicht: Herkunftsgeschichte als Poetologie (und umgekehrt). Und wie nebenbei hebt Seiler einen ebenso schillernden wie problematisch gewordenen Begriff im Plural auf. Oder er blättert neu in seinem "Wörterbuch des diffusen Daseins", angelegt, um die "Substanzen des Schreibens" quasi lexikologisch zu bestimmen. Unmittelbar sinnliches Erleben bildet Ausgangs- und Standort seines Schreibens. Worten wie Haus, Wald, Lichtung, Randlage (zu Berlin) gewinnt er so poetische Konkretheit für sein Gedicht zurück.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.10.2005
Für Sibylle Cramer befindet sich der Essayist und Erzähler Lutz Seiler auf einer Höhe mit dem Lyriker, ja, er setze mit diesen Reflexionen über Poesie und Poetik, über das Erinnern und das Erlesen sogar Maßstäbe dafür, "auf welcher Reflexionsstufe sich Kunst heute bewegen muss". Cramer bewundert, wie Seiler Disparates nach ihm eigenen Regeln zusammenfügt, wie er "Kontinuitätserfahrungen jenseits der Gesetze von Zeit und Raum" in Sprache fasst, mit welchem "Eigensinn" und welcher "Intensität" er sich mit fremder Lyrik und fremden Biografien auseinander setzt. Beispielsweise in seinem Essay über die Huchel-Gedenkstätte in Wilhelmshorst, in dem er seine Erleben mit dem vergleicht, was er in Huchels Gedichten findet und so sein Leben im Haus des Älteren in "einen Schwebezustand zwischen Dasein und Abwesenheit, Wissen und Nichtwissen" rückt. Fazit: kunstvolle, kluge, dicht gestrickte Einblicke in Seilers poetische Welt.
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