In den Wald
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431986
Gebunden, 304 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Eines Morgens verschwindet die Lehrerin im Wald. Während das Klassenzimmer leer bleibt und ihre Verwandten Straßen und Bäche absuchen, scheint sie immer mehr mit der sie umgebenden Natur zu verschmelzen. Um sie herum streifen Keiler durch das Unterholz, über den Wipfeln der Birken erklingt der Gesang wilder Vögel. Immer tiefer versinkt sie in einer Decke von Moos und Erinnerungen - sie muss um alles in der Welt den tragischen Tod ihrer Lieblingsschülerin vergessen, der sie in den Wald trieb.Hinter den geschlossenen Fensterläden und in den Straßen des piemontesischen Ortes Biella ist man unterdessen ratlos: Was ist mit Silvia geschehen? Und wer ist sie wirklich? Die gutmütige Lehrerin, für die sie alle halten, oder doch eine Außenseiterin, die etwas zu verbergen hat? Als ein Junge aus der Schule bei einem Streifzug durch den Wald auf die Lehrerin stößt, scheint die Suche ein Ende zu nehmen. Aber was macht man mit einer vermissten Frau, die nicht gefunden werden will?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 30.10.2024
Maddalena Vaglio Tanets Debütroman lässt die Lehrerin Silvia nach dem Suizid einer Schülerin in die Waldeinsamkeit fliehen, wo sie mit Schuldgefühlen und traumatischen Erinnerungen konfrontiert wird, resümiert der begeisterte Rezensent Ulrich Rüdenauer. Der 'märchenhaft und rätselhaft' erzählte Roman, feinfühlig ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki, schildert Silvias inneren Rückzug und die Begegnung mit Martino, einem Jungen, der ebenfalls am Rande der Gesellschaft steht. Martino wird zu Silvias heimlichem Retter, der ihr Essen bringt und Halt gibt. Während das Dorf nach ihr sucht und in 'archaischen sozialen' Strukturen verhaftet bleibt, so Rüdenauer, fängt Tanet ein zeitloses Bild menschlicher Verbindungen und innerer Kämpfe ein. Mit dichter Atmosphäre und kunstvollem Perspektivwechsel entsteht so eine Erzählung über Verlust, Überleben und die Kraft menschlicher Beziehungen, freut sich der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 19.10.2024
Keine einfache, aber dennoch eine lohnende Lektüre verspricht Rezensent Yannic Walter mit Magdalena Vaglio Tanets Buch über eine Lehrerin, die sich nach dem Suizid einer elfjährigen Schülerin aus Schuldgefühlen in den Wald um die norditalienische Kleinstadt Biella, einst antifaschistische Hochburg, flüchtet. Dabei bediene sich die Autorin einer an Truman Capote erinnernden, "vermeintlich faktischen" Erzählweise, denn es handle sich um einen echten Fall und bei der Lehrerin um eine Verwandte der Autorin, erklärt Walter. Anders als Capote jedoch löse sich Tanet vom unbedingten Wahrheitsanspruch, sondern reichere die Geschichte um fiktionale Aspekte an, was für den Kritiker gut gelingt - nur manchmal wird es ihm bei den vielen Rückblenden und Träumen verschiedener Figuren zu ausschweifend. Trotzdem ist er beeindruckt davon, wie Tanet über diese multifokale Erzählweise ein bestechendes Bild der italienischen Nachkriegsgeneration und ihres Schulderbes zeichne und dieses mit der (Nicht-)Schuld der Lehrerin verknüpfe. Spannend findet er außerdem den feministischen Einschlag, der ihn an Elena Ferrante erinnert. Ein sichtlich mit seinem Stoff "ringender", darum aber nicht weniger erhellender Roman, zudem bestens übersetzt, lobt Walter.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024
Die italienische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Maddalena Vaglio Tanet hat sich von vielen Wald-Lektüren zu diesem Roman inspirieren lassen - und von einer Geschichte aus der eigenen Familie, weiß Kritikerin Kristina Maidt-Zinke. So spielt der Roman in den 1970er-Jahren, die Lehrerin Silvia zieht sich in den Wald zurück und harrt dort aus, nachdem ihre zwölfjährige Schülerin sich das Leben genommen hat. Während ihrer Zeit in einer Waldhütte erkennt Silvia viele erdrückende Parallelen zu ihrem eigenen Leben, erfahren wir. Eine interessante Perspektive bietet auch der zehnjährige Martino, so Maidt-Zinke, er versorgt die abgeschottete Silvia mit Essen und Gesprächen, die auf nicht ganz realistischer, aber schöner Augenhöhe stattfinden. Ein Roman, der das Bild Norditaliens der 70er mit lebendiger Sprache und existenziellen Themen von zwischenmenschlichen Beziehungen bis zum Tod auch in der Übersetzung von Annette Kopetzki gelungen zeichnet, resümiert sie.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 05.10.2024
Maddalena Vaglio Tanets "In den Wald" ist weder packende Abenteuergeschichte, noch "notwendiger" Diskursroman, wie Rezensentin Marie-Luise Goldmann es ausdrückt. Und trotzdem kann die Rezensentin diesem außergewöhnlichen Debüt etwas Wertvolles abgewinnen - etwas Zeitloses, Existentielles. Aktuelle Themen werden größtenteils ausgespart, sodass sich die Geschichte fast genauso gut vor 100 oder 200 Jahren abgespielt haben könnte, was ihren besonderen, märchenhaften Reiz ausmacht, so Goldmann. Eine junge Frau nimmt sich das Leben, ihre Lehrerin fühlt sich schuldig und beschließt, sich allein in den Wald zurück zu ziehen. Goldmann erkennt darin ein Programm zur Traumabewältigung, einen therapeutischen Eskapismus. Die Italienerin schildert diesen Rückzug in einer poetischen, bilderreichen Erzählsprache, unterbrochen von einigen herrlich feinfühligen und humorvollen Dialogen, vor allem mit dem 11-jährigen Martino, der die Lehrerin im Wald entdeckt und ihr Geheimnis hüten soll. Auf alle übrigen Figuren hätte Goldmann übrigens gut verzichten können, sie wirken neben der Lehrerin, ihrer Schülerin und dem Jungen Martino eher überflüssig und die vielen Perspektivwechsel verwirren eher, als dass sie bereichern. Abgesehen von diesen wenigen Schwächen ist Tanets Roman jedoch ein schönes, immer wieder überraschendes, und vor allem ein "eigenwilliges" Debüt, das eine tröstende, ermutigende Wirkung entfalten kann, so die überzeugte Rezensentin.