Marc Augé beschreibt in diesem fiktiven Tagebuch fünf Monate im Leben eines "modernen Obdachlosen". Aufgrund der Zwänge moderner Arbeitsverhältnisse und steigender Mietpreise wächst in Großstädten eine Masse von neuen Heimatlosen heran, die sich, obwohl sie durchaus Geld haben, keine festen Wohnsitze mehr leisten können (oder wollen). Sie müssen mobil und flexibel sein, nehmen befristete Jobs für zu wenig Geld an und übernachten bei Freunden auf der Couch oder in ihrem Auto. Der Tagebuchschreiber bildet sich zwar ein, seine bisherige mentale Verfassung aufrechterhalten zu können, der Leser merkt aber schnell, dass mit dem Verlust der festen Behausung auch eine schleichende Erosion von Orientierung, Identität und sozialen Kompetenzen einhergeht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 29.02.2012
Marc Auges "Tagebuch eines Obdachlosen" hat es Sabine Vogel angetan - besonders die Ethnofiktion: die Konstruktion der Romanfigur mit sozialwissenschaftlichem Anspruch, beladen mit gesellschaftlichem Ballast. Die Rezensentin schildert, wie der Protagonist der Geschichte, ein Pensionär, seine Wohnung aufgeben muss und sich Schritt für Schritt von allen gesellschaftlichen Banden befreit. Sie sieht in den Orten, an denen sich sein Leben fortan abspielt Nicht-Orte, eigentlich nur Durchgangspunkte des täglichen Lebens. Im Drang zur Auflösung der eigenen Identität, im Brechen mit den persönlichen Fixpunkten, erkennt sie den Tod des Sozialen - festgehalten in einem Tagebuch.
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