Gegen Ende der Ära Adenauer gewann die NS-Vergangenheit eine neue und unerwartete Aktualität. Den Auftakt bildete eine wachsende öffentliche Kritik an belasteten Richtern und Staatsanwälten. Es folgten die umstrittene Wiederaufnahme der gerichtlichen Ahndung von NS-Verbrechen und die Debatten über deren bevorstehende Verjährung. Die Analyse dieser vergangenheitspolitischen Kontroversen läßt nicht nur erkennen, welche Legitimationsdefizite der westdeutschen Demokratie aus der Reintegration der Täter erwuchsen. Sie bemißt zugleich Ausmaß und Grenzen jener politisch-moralischen Neuorientierung im Umgang mit der "unbewältigten Vergangenheit", die sich in den sechziger Jahren vollzog.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2005
"Nichts wesentlich Neues", dafür viel Polemik und Parteinahme attestiert Rezenesent Friedrich-Christian Schröder dieser Studie Marc von Miquels. Sie befasst sich mit der Berufung ehemaliger NS-Richter und -Staatsanwälte an bundesdeutsche Nachkriegsgerichte sowie mit den zahlreichen Bestrebungen, für an NS-Verbrechen Beteiligte Amnestien zu erwirken. "Cum ira et studio" sei dieses Buch geschrieben, klagt der Rezensent. Die einzige nennenswerte Leistung Miquels besteht Schroeders Meinung nach darin, eine beeindruckende Zahl an Quellen erschlossen zu haben. Empört ist er aber darüber, wie Miquel selbige entweder heranzieht oder ignoriert, um die frühe Bundesrepublik mit einer "moralischen Hypothek" zu belasten: So führe Miquel im Anhang beispielsweise eine Liste "belasteter" Juristen auf, obwohl er selbst darauf hinweise, dass es im rechtshistorischen Zusammenhang bis heute keine "analytischen Kriterien" zur Definition von "Belastung" gebe.
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