Martha Bernays, Sigmund Freud

Sei mein, wie ich mir's denke

Die Brautbriefe, Band 1: Juni 1882 - Juli 1883
Cover: Sei mein, wie ich mir's denke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100228079
Gebunden, 625 Seiten, 48,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Gerhard Fichtner, Ilse Grubrich-Simitis und Albrecht Hirschmüller. Die Brautbriefe , Sigmund Freuds intimste Korrespondenz, waren jahrzehntelang ein Geheimtip, eine Art Mythos. In sorgfältiger Edition erscheinen sie nun erstmals ungekürzt. Schon Band 1 zeigt, warum diese Brautbriefe , fast zwanzig Jahre vor Publikation der Traumdeutung geschrieben, einzigartig sind: Erstmals wird die eigene Stimme von Martha Bernays vernehmbar, hochgescheit, witzig, streitbar, zärtlich. Aus seinen schonungslos offenen, bereits damals selbstanalytischen Briefen entsteht, gleichfalls neu, ein realistisches Bild des jungen Freud: von bitterer Armut niedergedrückt, verschuldet, schroff, misstrauisch, melancholisch, suchtgefährdet und zugleich schon damals der begeisternde, zupackend originelle Denker - "ich studiere jetzt der Menschen Innerstes" -, der große Schriftsteller, der leidenschaftlich Liebende. Wie die Korrespondenz insgesamt ist Band 1 zudem eine kostbare, facettenreiche Quelle für Wissenschaftsgeschichte und Alltagsgeschichte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2011

Für Rezensent Ludger Lütkehaus sind diese Brautbriefe nicht nur ein großes Dokument der Freud-Biografie, sondern vielleicht sogar eines der Briefliteratur überhaupt, auf jeden Fall aber das "Zeugnis einer großen Liebe". Zu seiner Freude halten sich die Herausgeber der insgesamt auf fünf Bände angelegten Edition mit "psychoanalytischer Deutungswut" zurück, so dass ihm ganz unverstellt die beiden Briefeschreiber vor Augen traten. Vier Jahre lang mussten sie nach ihrer heimlichen Verlobung auf eine Hochzeit warten und ihre Liebe über die Entfernung Wien-Hamburg immer wieder magisch beschwören. Zu seinem Erstaunen erlebte der Rezensent Sigmund Freud hierbei als argwöhnischen, eifersüchtigen Despoten, während sich Martha in einer seltenen Kombination aus Zärtlichkeit und Standfestigkeit selbst behauptet und den Tyrannen schließlich zur "Herzensmilde" bewegt. Lütkehaus hat hiermit die "direkteste, freimütigste, zugleich verstörendste" von Freuds Korrespondenzen gelesen, wie er berührt festhält.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.05.2011

Voller Achtung und Sympathie schreibt Bernd Nitzschke über den Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays, der sich über die vier Jahre spann, in denen die beiden verlobt waren, zunächst heimlich, denn Freud war als junger Mediziner zu arm, um heiraten zu dürfen. Eindrücklich berichtet und zitiert der Rezensent von dieser Korrespondenz, die Einblick gibt in das Auf und Ab einer jungen Liebe, in Überschwang und Eifersucht (gegen zwei Rivalen musste Freud sich behaupten), in Innigkeit und Abgrenzung. Für den Rezensenten sind die Briefe literarisch über jeden Zweifel erhaben, und auch für die Herausgeber hat er großes Lob parat, die dem Publikum mit dieser Edition das "Universum der bürgerlich-jüdischen Gefühlskultur am Ende des 19. Jahrhundert" erschlossen hätten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.05.2011

Den ersten Band der Brautbriefe zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays aus den Jahren 1882 bis 1886 verschlingt Christine Preis begeistert. Den Wert dieser Edition für die Freud-Forschung schätzt sie hoch ein, erklärt aber nicht genau, warum. Das Unkontrollierte, das Persönliche, das diese riesige Korrespondenz (insgesamt über 1500 Briefe!) auszeichnet, wird es doch nicht sein, die Leidenschaft zweier frisch Verliebter, die quälende räumliche Distanz zwischen ihnen. Von der sorgfältigen Kommentierung, die Preis erwähnt, einmal abgesehen, können wir den Wert des "Sigi, mein Sigi" mit Hilfe der Rezensentin nicht recht erfassen. Und auch nicht, warum es lohnt, alle fünf (!) Bände gespannt zu erwarten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2011

Andreas Mayer ist dankbar für diesen "sehr gut" kommentierten ersten Band der Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays, der erstmals auch die Briefe von Freuds Verlobter einem größeren Publikum öffentlich macht. Nicht nur über wissenschaftshistorische Details aus der Zeit von Freuds Karrierebeginn (1882-1888), über den "viktorianischen Urgrund" der Psychoanalyse und die Familiengründung der Freuds wird Mayer hier informiert. Ihm begegnet auch eine dem eifersüchtigen Werben Freuds durchaus sympathisch widerständig gegenüberstehende Martha Bernays. Weniger überzeugt haben ihn die spekulativen Erläuterungen der Herausgeberin Ilse Grubrich-Simitis zu Freuds vereinnahmender eifersüchtelnder Art.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.04.2011

Was Jean Bollack, der französische Philosoph und Philologe, auf einer ganzen Feuilletonseite bietet, ist weniger eine Kritik als ein dichter Essay. Zwar bekommt man über den Briefwechsel des vier Jahre einander versprochenen, während dieser Zeit aber in verschiedenen Städten lebenden Paars Sigmund Freud und Martha Bernays auch die wichtigsten Informationen. Die Diskussionen um die Legitimität der Veröffentlichung legt Bollack dar, den nun nach zehn Jahren Arbeit vorliegenden ersten von fünf Bänden der Gesamtedition lobt er in Sorgfalt und Kommentierung und sonst jeder Hinsicht als "vorbildlich". In erster Linie aber geht es ihm in diesem Text um die Analyse (aber nicht Psychoanalyse) des Verhältnisses zwischen dem jungen Freud, der sich großer zukünftiger Taten gewiss zeigt, und der Braut, die einerseits als Frau eine untergeordnete Rolle zu akzeptieren hat, dabei aber ein Recht auf Gegenseitigkeit in vielen Belangen fordert und auch eingeräumt bekommt. Wie dies Verhältnis genau tariert ist, wie sich das alles in die "postviktorianische" Aufbrauchszeit fügt, welche Rolle das Judentum spielt, von dem Freud, aber nicht Bernays sich losgesagt hat: all das führt Jean Bollack mit großer Subtilität aus. Sein Hinweis, dass man das ganze bald mit angehaltenem Atem liest, wie ein literarisches Werk, dass es tatsächlich "ganz große Prosa" ist, gehört zu den entschieden banaleren Momenten seiner Ausführungen.

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