Der Zirkusfilm ist ein ungewohnt zählebiges und wandlungsfähiges Genre. Zirkusfilme tauchen zu fast jeder Zeit und in nahezu allen Kinokulturen auf. Sie erscheinen als Melodramen, Komödien, Kriminal- oder Horrorfilme. Was macht den Zirkus zu einem derart effizienten und belastbaren Bedeutungsträger? Woher rührt die enorme Diversität, und was hält das Genre quer durch die Vielfalt der Erscheinungsformen zusammen? Im Zirkus als exotischer Gegenwelt werden mittels ritualisierter Grenzüberschreitungen die Normen verhandelt, die für das jeweilige Umfeld konstitutiv sind. Der Zirkusfilm überführt diese eingeübten Praktiken der kulturellen Selbstverständigung in ein neues Medium und macht die geregelte Transgression zum Gegenstand von Erzählhandlungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2011
Hans-Jörg Rother hat mit großem Interesse Matthias Christens Habilitationsschrift zum Zirkusfilm gelesen, auch wenn er nicht ganz einverstanden mit dessen Unterscheidung von "Unterhaltungsfilm" und "Modell" ist. Denn in den Augen des Rezensenten sind Filme wie der Stummfilmklassiker "Abgrund" von Urban Gads durchaus als Modell und warnendes Beispiel zu verstehen. Auch in den Propaganda-Zirkusfilmen der Nazis oder des Stalinismus sieht der Rezensent Modellcharakter, auch wenn der Autor sie schlicht dem Unterhaltungsfilm zuschlägt. Überzeugender erscheint Rother dann schon eher die Interpretation von Filmen wie Wim Wenders "Der Himmel über Berlin" oder Ingmar Bergmans "Abend der Gaukler" als poetische Utopie. Der Rezensent würdigt die flüssige Sprache und die Rechercheleistung, hat allerdings ein bisschen Mühe mit der allzu freigiebigen Verwendung von Fremdwörtern, die er dem akademischen Anspruch geschuldet sieht und somit verzeihlich findet.
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