Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2003
Ein spezifisch modernes Phänomen untersucht Michael Großheim in seiner Dissertation. Es geht ihm um seltsame biografische Brüche, Konversionen aus der Fülle unentschiedener Möglichkeiten in die politisch einfach geschnitzte, ja doktrinäre Überzeugung. Von der Romantik - etwa Friedrich Schlegels Wandlung vom revolutionären Freigeist zum Metternich-Diplomaten - bis zur RAF zieht er dabei eine klare Linie. Ein Problem hat der Rezensent Lorenz Jäger allerdings mit den Begriffen, die Großheim zur Beschreibung nutzt, insbesondere dem titelgebenden "politischen Existenzialismus". Zu klar, meint er, scheint dabei von vorneherein, dass es sich bei den Brüchen um ein in den Inhalten fast beliebiges "selbsttherapeutisches Unternehmen" handle. Ein weiterer gewichtiger Einwand des Rezensenten: der Band, klagt Jäger, sei - dissertationstypisch - materialreich, an Strukturierung aber mangle es. Sein Fazit: Als Steinbruch tauglich, als umfassende Studie problematisch.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.12.2002
Die Spaßgesellschaft und der "postmoderne Geist der Ironie" haben sich verabschiedet, hält Ludger Heidbrink fest - womöglich zugunsten einer neuen ökonomischen und kulturellen Depression. So gesehen erscheint Michael Großheims spannende Studie gerade zum rechten Zeitpunkt, weil sie die Vorgeschichte des postmodernen Ironismus unter die Lupe nimmt. Großheim, ein in Rostock tätiger Philosoph, hat Künstlerhaltungen des 19. und 20. Jahrhunderts untersucht: mit der Erfahrung der Selbstentfremdung ging ein "Hunger nach Ganzheit, nach Erlösung" einher, berichtet Heidbrink, der sich in "produktive Ironie" in Form einer spielerischen Selbstinszenierung oder in "rezessive Ironie" verwandeln konnte und den Rückzug in schutzgewährende Ordnungen und Ideologien förderte. Politischer Aktionismus, lautet nach Heidbrink die These Großheims, egal welcher politischer Couleur, zeuge von dem Verlangen nach einer größeren Lebensintensität. Heidbrink ist sehr angetan von Großheims "längst überfälligem Psychogramm des Intellektuellen Deserteurs", sieht aber am Ende der Analyse eine Chance auf Rehabilitierung der Ironie verschenkt. Die Rückkehr zum Ernst schafft noch "keinen Ausweg aus dem Dilemma der Moderne", warnt der Rezensent.
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