Das verrückte Herz
Sarajevo Marlboro remastered. Erzählungen

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431962
Gebunden, 304 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. 30 Jahre nach Erscheinen seines Erzählungsbandes Sarajevo Marlboro, der Miljenko Jergović 1994 schlagartig bekannt machte, kehrt er in seinem neuen Werk zurück in die Stadt, in der sich so viel Geschichte, Religion, Kriegserfahrung und Alltag ballen. Zugewandt, voller Traurigkeit und Humor erzählt er vom täglichen Überleben in der Belagerung und den Schrecken des Krieges, von Hunger, Angst und den kleinen Gesten der Solidarität. Die Atmosphäre der Kriegsjahre erscheint so plastisch wie das fragile, zugleich unzerstörbare Leben darin - meisterhafte Erzählungen von der Menschlichkeit, die sich am Nullpunkt behauptet.Da ist zum Beispiel Pero Magacioner, das verrückte Herz. Er streicht den Leuten in Sarajevo die Wohnungen, mehr schlecht als recht. Mit Ausbruch des Krieges lässt bald niemand mehr seine Wohnung streichen, dafür steigt der Bedarf an Dachdeckern. Die Handwerker wollen nicht mehr auf die zerschossenen Dächer steigen, Pero Magacioner klettert trotzdem hoch, bringt sie wieder in Ordnung, so gut, erzählt man sich, wie er sonst nie etwas gemacht hat. Kurz vor Kriegsende stürzt er vom Dach, einfach so, ein ungebührlich unverdienter Tod inmitten all der unverdienten Tode in der belagerten Stadt, dem Jergović ein berührendes Denkmal setzt.Das verrückte Herz ist der Nachfolge- und Zwillingsband zu Sarajevo Marlboro, mit 29 neuen Erzählungen aus dem belagerten Sarajevo - zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2025
Rezensent Luca Vazgec schätzt den bosnischen Schriftsteller, Publizisten und Lyriker Milijenko Jergovic spätestens seit dessen Erzählungsband "Sarajevo Marlboro" aus dem Jahr 1994. Dreißig Jahre später legt der Autor wieder Erzählungen vor, die sich erneut dem Schicksal "kleiner Leute" im Kriegsalltag widmen - und erneut entwirft Jergovic ein annekdoten- und detailreiches, atmosphärisches Panorama, lobt der Kritiker. In den Geschichten, die etwa vom serbischen Metzger Savo erzählen, der vor allem Schweinefleisch verkauft und von muslimischen Soldaten durch einen perfiden Streich in den Selbstmord getrieben wird, erkennt der Rezensent: Jergovic ist "weiser" geworden, er verdichtet mehr und bannt die "unerhörten Begebenheiten" auf wenigen Seiten. Empathie, Spannung und meisterhafte Erzählkunst lassen den Kritiker jubeln: Große Literatur.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 08.01.2025
30 Jahre nach dem Bosnienkrieg veröffentlicht Miljenko Jergović eine Fortsetzung seines berühmten Erzählbands "Sarajevo Marlboro", bei dem der Rezensentin Doris Akrap vor Aufregung regelmäßig der Atem stockt. In alltäglichen Momenten - verkohlte Wäsche, flatternde Unterhosen "mit blauen Saxofonen bedruckt", kleine Missgeschicke - zeigt Jergović die Schrecken des Krieges und dessen Nachwirkungen, resümiert die Kritikerin. Seine Geschichten handeln, lesen wir, von der Wahrheit in kleinen Dingen, von Erinnerungen, offenen Fragen und das Wesen des Krieges. Aber auch lustige Anekdoten und der Zufall spielen in den Geschichten eine große Rolle, erklärt Akrap. Jergovićs schlichte, dichte Sprache versetzt die Kritikerin unmittelbar ins Geschehen, lässt sie am Ende jedoch mit offenen Fragen allein, wie es in der Realität ja auch oft passiert. Die Erzählungen erinnern daran, dass die Folgen des Krieges weit über das Ende der Kämpfe hinaus spürbar bleiben - in Sarajevo ebenso wie anderswo, schließt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.12.2024
Miljenko Jergovic ist während des Krieges mit seinen Erzählungen aus Sarajevo bekannt geworden, jetzt gibt es einen Nachfolgeband, dessen Geschichten sich auf jeden Fall mit dem Vorgänger messen können, hält Rezensent Jörg Plath fest. Auch diese Texte handeln vom Krieg, eine erschossene Lehrerin betrachtet sich selbst als Tote, ein unerschrockener Dachdecker repariert alle möglichen Kriegsschäden und fällt dann vom Dach, alle Figuren erfahren Zerstörung, Gewalt und oft enden die Geschichten ganz plötzlich, ins Offene hinein. Dann sind sie am besten, versichert Plath, der das von Verlust und dem Bedürfnis nach Erinnerung getriebene Buch mit Gewinn gelesen hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.11.2024
Vertraut und doch anders: Rezensent Karl-Markus Gauss freut sich über den neuen Erzählband von Miljenko Jergović, der seinen Debütband noch einmal in die Gegenwart holt. Die Erzählungen sind hier wie vor dreißig Jahren in der gleichen Komposition angeordnet. Jergović versucht zugleich, Zeugnis abzulegen von den noch heute Betroffenen des Krieges in Bosnien und ihre Schicksale zu einer desolaten Autobiographie bosnischer Gesellschaft werden zu lassen. Auch hier, und das muss Gauss ausdrücklich betonen, verbinden sich dokumentarische Genauigkeit und poetische Inspiration zur Physiognomie und Topographie einer sich selbst zerfressenden Welt. Jergović erzählt etwa vom vornehmen, zugewandten und solidarischen Nachbarn Pašić, der aber im Krieg zum Major eines serbischen Mörderbataillons wird, wobei der Erzähler darauf beharrt, dass der Major kein anderer Mensch sei als vor dem Krieg. Jergović berichte so von der Zeitlichkeit einer Welt, die der Krieg in zwei zerschnitten habe, und Sarajevo wirke daher wie eine zerfallende Gesellschaft, eine sich selbst zerstörende Zivilisation, resümiert Gauss bewegt. Dass die Erzählungen trotz ihrer Kürze so eindringlich sind, liegt, so der Rezensent, an Jergovićs Erzählkunst: Er schreibe nie zu viel, wisse, auf welches Detail es ankomme.