Monika Maron

"Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig"

Tagebücher 1980-2021
Cover: "Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig"
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026
ISBN 9783455021547
Gebunden, 256 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Monika Marons jetzt erstmals veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1980 bis 2021 geben unerwartet tiefe Einblicke in das Leben einer großen Schriftstellerin. In der DDR war Monika Maron eine Gefangene von Zensur und kultureller Willkür, der es aber auch schon vor ihrer Ausreise im Jahr 1988 immer wieder gelang, zu entfliehen: nach London, New York und Rom. Als Reisende zwischen den Systemen und Kontinenten wirft Monika Maron ihren ganz eigenen Blick auf die Welt, der die Lektüre ihrer Aufzeichnungen, die von Träumen und Zweifeln, von Künstlern und Kämpfen erzählen, zu einem einzigartigen und unvergesslichen Ereignis macht.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 18.04.2026

Eigentlich wollte Monika Maron diese Tagebuch-Aufzeichnungen verbrennen, Rezensentin Angela Gutzeit ist froh, dass sie es nicht getan hat, denn hier lässt sich eine Menge über die streitbare Autorin erfahren: Über ihre Anfänge als Schriftstellerin in der DDR, die sich fragt, warum sich so wenige in dem Land wehren, über ihre ersten Reisen in den Westen, deren Schilderungen für Gutzeit ein Highlight sind, über den "Papierkrieg" mit den zuständigen Ministerien. Geldnot ist ein immer wiederkehrendes Thema, aber auch die Befremdungen im Westen, ihre Wut auf die Verhältnisse, lesen wir. Frei fühlt sie sich auf einer Reise nach New York, wo sie die "Nacktheit der Verhältnisse" begeistert. Irgendwann wurde es der DDR-Führung zu viel mit Marons offener Kritik an den herrschenden Verhältnissen, sie siedelt über in die BRD. Nach der Wende werden die Einträge spärlicher, was die Kritikerin bedauert. Hier greifen dann Marons Essaybände, meint sie. Viel angesammelte Frustration hat sich wohl auch in ihren politischen Äußerungen niedergeschlagen, die darin mündeten, dass sich der S. Fischer-Verlag von der Autorin getrennt hat, wie Gutzeit vermutet, aber mit der Aufnahme in den Verlag Hoffmann und Campe enden die Tagebücher auf einer positiven Note.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.04.2026

Rezensent Tobias Rüther zeigt sich ein wenig enttäuscht von Monika Marons neu veröffentlichten Tagebüchern und von ihrem Umgang mit ihrer eigenen Geschichte. Denn von den Tagebüchern verspricht sich der Kritiker zunächst viel, insbesondere Erklärendes zu Marons in den letzten Jahren vermehrt sichtbar werdenden und als "rechts" gelesenen politischen Positionen. Nach anfangs noch ausführlicher, wenn auch kühler Dokumentation ihrer schriftstellerischen Anfänge in der DDR, auch ihrer prägenden Weltreisen, wird er dann aber zunehmend ratlos zurückgelassen: denn die zum Teil eklatanten Lücken in den Aufzeichnungen kann er sich einfach nicht erklären, auch nicht mit Marons Hinweis, Grund hierfür seien vornehmlich Reiseumstände oder der Wechsel vom Handschriftlichen auf den PC. Dass eine Schriftstellerin, deren gesamtes Werk sich um die politischen Gegebenheiten in der DDR und danach dreht, etwa kein Wort über den 9. November 1989 verliert, befremdet Rüther. Dass sich solche Lücken häufen, und auch, dass die Tagebücher frühzeitig enden, nämlich nachdem sich der Fischer-Verlag wegen Marons Zusammenarbeit mit rechtsgeprägten Publikationsformaten von ihr trennte, lassen für den Kritiker eher den Eindruck gezielter Auslassungen entstehen. Rüther erzählt am Ende seiner Kritik, dass er ein Interview mit der Autorin geführt hat, das diese schließlich zurückzog. Für ihn ein eine weitere schmerzliche Leerstelle.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2026

Rezensent Jürgen Verdofsky ist froh, dass Monika Maron sich letztendlich doch dazu entschlossen hat, ihre ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Tagebücher doch herauszugeben. Wobei der Titel in gewisser Weise Etikettenschwindel ist: Es gibt in diesem Buch zwischen 1980 und 2021 teils lange Pausen, zum Beispiel Mitte der 1990er, ohne Tagebucheinträge. Verdofsky arbeitet sich in seiner Rezension vor allem durch Marons Texte aus den 1980ern, es geht um den im Westen erschienenen Durchbruchsroman "Flugasche", um Marons anschließende Auseinandersetzungen mit den DDR-Behörden, um ihre Erfahrungen auf den schließlich genehmigten Reisen nach Westeuropa und in die USA, wo sie die DDR nie so recht los wird. Auf Marons späteren literarischen und intellektuellen Weg, der 2021 unter anderem zum Bruch mit dem S. Fischer-Verlag führt, geht Verdofsky nur nebenbei ein. Insgesamt jedenfalls gefallen ihm die Tagebücher, auch weil Maron immer wieder Selbstzweifel artikuliert.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 04.04.2026

Rezensent Marc Reichwein freut sich, dass Monika Maron ihre Tagebücher nicht, wie früher einmal angekündigt, vernichtet hat. Die hier vorliegende Edition beinhaltet Texte aus den Jahren 1980 bis 2021 und ermöglicht unter anderem Einblicke in die Entstehung des großen Debütromans der Autorin "Flugasche", der in einem Westverlag erschien und Maron in der DDR in Bedrängnis brachte. Lesenswert findet er auch die Einträge, die im Zuge eines Auslandsaufenthalts in New York, London und anderen Weststädten entstanden - Maron erlebte diese Zeit als Befreiung. Aufschlüsse über die jüngere Lebensphasen Marons und ihre zunehmend schärfer werdenden politischen Einlassungen sollte man eher nicht erwarten, ab 2010 gibt es nicht mehr allzu viele Einträge, was mit dem Wechsel von der Handschrift zum Notebook zu tun hat. So lohnt sich das Buch, wenn man Reichwein folgt, vor allem für die Passagen über die 1980er.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.04.2026

Es ist eine Homestory, so wie Literaturkritik heutzutage praktiziert wird. Zeit-Literaturchef Volker Weidermann begibt sich in die große Schöneberger Altbauwohnung der Autorin, unterhält sich mit ihr, und lässt nebenbei das Buch Revue passieren. Sie hatte die Tagebücher eigentlich vernichten wollen, erzählt er anfangs: Zum Glück hat sie es nicht getan und präsentiert nun eine Auswahl aus vergangener Unmittelbarkeit, die offenbar vor allem an die Anfänge erinnert: wie sie  besten Willens bei den DDR-Behörden darum nachsuchte, ihre "Flugasche" - ein Meisterwerk, wie man heute weiß - zu veröffentlichen und nicht durfte und wie sie dabei lernte, dies Regime abgrundtief zu verabscheuen. Ihre Einträge zeigen, dass alles Verbiegen, das sie anfangs noch in Kauf nahm, nichts nützte. Das versteinernde Regime ließ sie am Ende ausreisen. Das Dagegensein hat Maron aber auch im Westen nicht aufgegeben und ist damit auch hierzulande ziemlich angeeckt. Sie, die auch die ganz großen Literaturpreise dieser Republik verdient hätte, gilt seither als "rechts". Aber Weidermann ist differenziert - sein Urteil bleibt freundlich, die miese Art, wie der S. Fischer Verlag sie fallen ließ, verschweigt er nicht, obwohl dieser Verlag demselben Hause angehört wie die Zeit. Am Ende ist seine Kritik deutlich als Leseempfehlung zu verstehen. 

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