"Ich wollte keine Glatze haben. Schon aus dieser Angst haben wir jeden Tag gelaust. Kleiderläuse, Haarläuse, alles." An die Lagerhaft erinnert sich Else Thomas noch heute. Mit Papierrollen drehen die Frauen sich Locken. Trotz Lager wollen sie schön sein. Geschichten wie diese gibt es viele. Über Jahre hinweg haben Mitarbeiter des Sächsischen Landesbeauftragten Interviews mit Menschen geführt, die Opfer politischer Gewalt wurden. Sie saßen in sowjetischen Speziallagern, wurden aus ihrer Heimat an der innerdeutschen Grenze vertrieben, kamen wegen Flugblättern, Protestaktionen oder Fluchtversuchen hinter Gitter. Die Geschichten sind vielfältig, die Schicksale ähneln einander. Aus den aufwändigen Befragungen destillierte Nancy Aris die Essenz. Und wieder kam es zu Gesprächen mit den Frauen und Männern über ihr Leben. Entstanden sind daraus über dreißig Porträts, die ein facettenreiches Bild der DDR mit ihrer Vor- und Nachgeschichte zeichnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2017
Anna Kaminsky bekommt viel mehr mit Nancy Aris' Buch als die Bewahrung der Erinnerung Verfolgter des DDR-Regimes. Die im Band dokumentierten Verfolgungsschicksale spiegeln laut Rezensentin die Essenz der DDR-Diktatur, Lagerhaft und Folter. Berührend und verstörend findet Kaminsky die anhand von Interviews erstellten biografischen Porträts von Männern und Frauen, allesamt Opfer der politischen Gewalt in der DDR. Deutlich wird für sie u.a. der Wandel der Repression von offener Brutalität hin zu subtileren, nicht weniger effizienten Methoden. Welche "Delikte" einen jungen Menschen ins Arbeitslager bringen konnten, kann Kaminsky kaum glauben. Die Berichte über Hoffnungsschimmer in der Haft und menschliche Solidarität inmitten der Gewalt, nimmt die Rezensent mit Erleichterung zur Kenntnis.
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