Nanni Balestrini

Tristano

Roman
Cover: Tristano
Suhrkamp Verlag, Berlin 2009
ISBN 9783518125793
Kartoniert, 150 Seiten, 15,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Peter O. Chotjewitz. »Tape Mark I« (1961) von Nanni Balestrini gilt als erstes Gedicht, das je auf einem Computer geschrieben wurde. Der Autor verfolgte jedoch einen radikaleren Plan: Er wollte am Rechner einen Liebesroman verfassen, in seine Bestandteile zerlegen und diese willkürlich kombinieren. 1966 erschien sein Tristano bei Feltrinelli - als »normales« Buch. 43 Jahre später ermöglicht die digitale Drucktechnik die Umsetzung dieses Projekts: Balestrinis Hommage an den Tristan-Mythos erscheint in einer Auflage von 2000 nichtidentischen Exemplaren und mit einem Nachwort von Umberto Eco.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.07.2010

Gäbe es nicht das interessante Nachwort des Übersetzers Peter O. Chotjewitz, wäre Rezensentin Maike Albath von Nanni Balestrinis Romanexperiment "Tristano" wohl enttäuscht gewesen. Der bereits 1972 erschienene Liebesroman steht ganz in der Tradition der gruppo 63, einem Künstlerkollektiv von Schriftstellern und Wissenschaftlern - darunter Umberto Eco - , die sich zum Ziel gesetzt hatten, die italienische Kultur zu verändern. Textkohärenz oder ein Handlungsstrang galten als längst überholt, und auch die Zeichensetzung wurde nur noch als "Relikt spießiger Erzählkunst" betrachtet. Literatur dürfe nicht "bequem" sein, sondern müsse ins soziale Geschehen eingreifen. Als sei dies nicht schon "quälend" genug, stöhnt Albath, hat Balestrini seine Erzählung nun auch noch mit Hilfe eines Computerprogramms überarbeitet: die einzelnen Textsequenzen wurden nummeriert und in einem kombinatorischen Verfahren zu immer neuen Formationen zusammengefügt: dabei entstanden 109.027.350.432.000 mögliche Romane, welche die Rezensentin wohl nicht alle lesen wird, denn nicht einmal die eine Liebesgeschichte, die sie vor sich hatte, hat sie überzeugt. Die Lektüre lohnt sich aber zumindest dank des Nachwortes: Hier werde die literaturhistorische Bedeutung des Textes erklärt, interessante Querverweise zu Filmen von Alain Resnais aufgezeigt und auch die bewegende Biografie Balestrinis geschildert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2010

Rezensentin Aureliana Sorrento findet, dass dieser neu aufgelegte - und in Anbetracht der heutzutage zur Verfügung stehenden digitalen Drucktechnik erstmals ganz im Sinne des Autoren Nanni Balestrini realisierte - Roman von 1966 ein spannendes Zeitdokument ist, der auch die revolutionären Umtriebe der Zeit seiner Entstehung reflektiert. Ob Sorrento darüber hinaus auch Vergnügen an der Lektüre hatte, bleibt jedoch etwas offen. Aufgrund seiner wechselnden Struktur - bei jedem Druck werden die einzelnen Abschnitte der Kapitel neu angeordnet, jedes Buch wird so zum Unikat - kann man als Leser in den Augen der Rezensentin weder einem "Plot noch einer Figurenentwicklung" folgen, sondern nur einzelnen "Augenblicken mehr oder weniger intensiver Wahrnehmung". Nach Meinung der Rezensentin ragen besonders jene Sätze aus dem Text heraus, die einem "inneren Monolog zu entstammen scheinen".
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