Nachtgäste
Roman

Jung und Jung Verlag, Salzburg 2025
ISBN
9783990274118
Gebunden, 240 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Bosnischen von Barbara Antkowiak. Maja ist achtzehn Jahre alt, sie sollte Besseres zu tun haben, als in einem Keller zu sitzen und zu schreiben. Aber draußen ist Krieg, ständig kracht es irgendwo, Granaten regnen auf Sarajevo. Und drinnen, im Untergeschoß eines Museums, hat sich eine Notgemeinschaft zusammengefunden, die dem Schrecken trotzt: die vegetarische Mutter mit einem Hang zur Esoterik, die Großmutter und ihr eifersüchtig gehüteter Koffer, der Halbbruder und seine schwangere Frau, die ihre Hypochondrie pflegt, der Vater als Direktor des Museums, zwei Partisanen und der Hund Sniffy. Den Zumutungen ihrer Lage begegnet Maja mit entwaffnendem Humor und Scharfsinn. Und sie nimmt sich auch kein Blatt vor den Mund, wann immer ihr die Erwachsenen mit Worthülsen, Phrasen und Vorurteilen die Welt erklären wollen.Nenad Veličkovićs Roman, vor dreißig Jahren erstmals erschienen, nimmt dem Krieg jede Heroik und setzt seiner Heimatstadt Sarajevo zugleich ein Denkmal.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.07.2025
Rezensent Jörg Plath freut sich, dass Nenad Velikovics 1995 erstmals veröffentlichter und 1996 unter dem Titel "Logiergäste" auch in Deutschland publizierter Roman in neuer Übersetzung vorliegt. Denn der kindlichen Perspektive von Maja, die alles notiert, was sie im Keller eines Museums der bosnischen Landesgeschichte während der Belagerung Sarajevos erlebt, kann sich der Kritiker nicht entziehen: Von der Großmutter über den Bruder und dessen schwangerer Freundin bis zum Museumswächter und der kinderreichen Nachbarin Mrs. Flintstone hat sich eine kuriose Truppe aus drei Generationen im Keller versammelt, alle eint die Todesangst - mit der ein jeder freilich anders umgeht, resümiert der Kritiker. Dass das Buch noch vor dem Ende der Belagerung erschien, spürt Plath deutlich: "Sarkastisch-distanziert" versucht der Autor den Krieg zunächst außen vor zu halten, bis der fesselnde Roman schließlich an Tempo gewinnt, schließt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 29.04.2025
Dass Nenand Velickovic seine Kriegsgeschichte über eine Familie im belagerten Sarajewo noch vor Ende der Belagerung im Jahr 1996 verfasste und publizierte, ist eine "erstaunliche Leistung", erklärt Rezensent Jörg Plath und führt sowohl die Dramaturgie der Geschichte, als auch ihren nüchternen Ton auf diese Publikationsgeschichte zurück. Kein Wunder, so Plath, dass Velickovic die naiv-distanzierte Perspektive der jugendlichen Maja wählte, die es ihm erlaubte, sich vor allem auf die "interessanten Persönlichkeiten" im Keller des Museums zu konzentrieren, in dem die bosnische Akademiker-Familie seines Romans Zuflucht gefunden hat. Kein Wunder auch, dass er sich mit Sarkasmus vor der Realität des Krieges zu schützen versuchte. Und kein Wunder, dass dieser Krieg erst im letzten Drittel des Buches über die Erzählung hereinbricht und ihr damit Schwung und Spannung verleiht. Dass "Nachtgäste" nun in einer leicht überarbeiteten Übersetzung von 1997 wieder auf Deutsch vorliegt, scheint Plath zu begrüßen. Vor der Lektüre empfiehlt er jedoch, sich das unnachahmlich meisterhafte "Tagebuch der Aussiedlung" von Dzevad Karahasan zu Gemüte zu führen sowie Damir Ovcinas "Zwei Jahre Nacht".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2025
Rezensent Luca Vazgec singt eine Hymne auf diesen Roman des bosnischen Schriftstellers Nenad Velickovic, der kurz nach dem Bosnienkrieg 1995 im Original erschien und bereits 1997 in der Übersetzung von Barbara Antkowiak, noch unter anderem Titel, auf Deutsch veröffentlicht wurde. Erzählt wird die Geschichte von Teenagerin Maja, die mit "lakonisch-schwarzhumorigem" Blick das Zusammenleben im Stadtmuseum von Sarajewo beschreibt: Dorthin ist die Familie, bestehend aus Vater, esoterischer Mutter, feigem Halbbruder, dessen larmoyanter Freundin und dementer Großmutter geflohen - und nervt einander. Allein wie der Autor zunächst behutsam und "bedrückt", schließlich immer spannungsreicher vom Leben in der belagerten Stadt erzählt, aus der "prosaischen" Perspektive Majas, lässt Vazgez aufrufen: Wenn man über Krieg spricht, dann bitte so! Und an "Kultgehalt, Bildgewalt" und Erzählkraft hat dieser Text auch nach dreißig Jahren nichts verloren, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 22.02.2025
Gespannt liest Rezensentin Lara Sielmann die Neuübersetzung von Nenad Veličkovićs Roman, der nach seinem Erscheinen 1995 erstmals 1997 ins Deutsche übertragen wurde. Er handelt vom Krieg in Bosnien und Herzegowina 1992 und ist erzählt aus der Perspektive der 18-jährigen Maja, die während der Bombenangriffe auf Sarajevo aus der abgebrannten Wohnung ins Museum, wo ihr Vater arbeitet, umziehen und dort im Keller mit einigen Familienmitgliedern und Bekannten in einer "Schicksalsgemeinschaft" ausharren muss. Das Spannende ist für Sielmann auch genau diese Perspektive: so ermöglichen die genauen Beobachtungen der 18-jährigen Literaturstudentin, die Schriftstellerin werden möchte, einen noch naiv-kindlichen, aber trotzdem "genau sezierenden" und "karikierenden" Blick auf die sie umgebenden Menschen, in denen der Krieg nicht explizit bebildert wird, aber als Thema ständig spürbar ist, analysiert die Kritikerin. Auch die "verspielte wie moderne" Neuübersetzung von Barbara Antkowiak sei gelungen und trage wesentlich dazu bei, die Romanhandlung gerade auch im Licht aktueller Kriege zu sehen. Für Sielmann ein Gewinn.