Ein mörderischer Dialog unter Brüdern als deutsche Sezierstunde: erschütternd, schonungslos, abgründig. Normans verzweifelte Liebe zum Vater Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, der in Nürnberg hingerichtet worden ist, lässt seinen Bruder Niklas nicht los. Sie ringen um die Wahrheit von Gefühlen, die Macht der Verdrängung und die Frage: Wie überlebe ich es, das Kind des "Schlächters von Polen" zu sein? Nach Büchern gegen seinen Vater und seine Mutter gelingt Niklas Frank nun ein düsteres dokumentarisches Kammerspiel über seinen alkoholkranken Lieblingsbruder, über sich und über ihr Verhältnis zum Vater. Tief dringt Niklas in Normans Seelenleben und Erinnerungen ein, martert ihn mit Briefen der Familie und Dokumenten, die er ein Leben lang gesammelt hat. Unnachgiebig zerlegt er Normans widersprüchliche Wahrheiten und verzweifelte Abwehrkämpfe um sein Bild des Vaters.
Als Niklas Frank 1987 in einem Buch mit seinem Vater Hans, einem in der Folge der Nürnberger Prozesse hingerichteten Haupttäter des Holocaust, abrechnete, sei die öffentliche Meinung - die ZEIT eingeschlossen - einhellig gegen den Sohn gewesen, weiß Stephan Lebert. Dennoch hat sich Frank die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte zur Lebensaufgabe gemacht: dem Buch über den Vater folgte eines über die Mutter und nun also eines über den Bruder, und der Rezensent würdigt Frank als "brillanten Autor" und "Seismografen wider die Verlogenheit". In "Bruder Norman!" setzt sich der Autor kammerspielartig mit seinem ältesten Bruder auseinander, der noch auf dem Totenbett dem Vater trotz allem liebevoll verbunden war. Es ist an der Zeit, Niklas Franks Verdienst um die Aufarbeitung des deutschen Traumas angemessen anzuerkennen, meint Lebert.
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