Die Grundprinzipien von Nikolaus Harnoncourts musikalischer Praxis machten ihn in der gesamten Musikwelt berühmt. Er hat mit seinem Ensemble Concentus Musicus alte Traditionen gebrochen und die Interpretation Alter Musik neu zugänglich gemacht. Das war nicht nur das Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung mit dem Klang der Originalinstrumente, sondern vor allem einer Infragestellung der üblichen Hörgewohnheiten: Was ist Musik überhaupt, wie wirkt sie und wie ist sie von ihren Schöpfern gemeint? Harnoncourts Texte über Aufführungspraxis, Barockmusik oder Instrumente wie das Cembalo lesen sich wie beredtes Musizieren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2020
Als eine Form der Aufklärung versteht Jan Brachmann die in diesem von Harnoncourts Frau Alice aus dem Nachlass herausgegebenen Band versammelten größtenteils bisher unveröfffentlichten Reden, Vorworte, Vorträge und Essays von Nikolaus Harnoncourt. Die Wucht des Denkens, Moral und Erkenntnisdrang springen Brachmann hier unmittelbar an. Auch wenn der Autor für den Rezensenten "kein Systematiker" war, bieten ihm die Texte so etwas wie die "Fragmente zu einer Theorie der musikalischen Hermeneutik" in Anlehnung an Gadamer. Harnoncourts Verständnis musikalischer Interpretation als von der Gegenwart ausgehende "Horizontverschmelzung" scheint Brachmann einzuleuchten. Nicht mit jeder These des Autors mag Brachmann übereinstimmen (Stichwort: Mehrstimmigkeit als europäische Erfindung), aber mitreißend findet er die Lektüre allemal.
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