Begriffe wie "postfaktisch" und "alternative Fakten" haben Konjunktur. Sie verweisen darauf, dass in vielen Gesellschaften ein Kampf um die Wirklichkeit der Wirklichkeit entbrannt zu sein scheint. Der Soziologe Nils C. Kumkar betrachtet diese Phänomene jedoch aus einem anderen Blickwinkel: Ausgehend von Fallstudien zu den Auseinandersetzungen um Corona, den Klimawandel und die Größe des Publikums bei der Amtseinführung Donald Trumps, plädiert er dafür, "alternative Fakten" nicht primär als Versatzstücke einer Parallelwelt zu verstehen, sondern als diskursive Nebelkerzen im Kontext polarisierter Debatten. Sie wirken, so Kumkar, nicht als Beitrag zur Konstruktion einer alternativen Realität, sondern als kommunikative Realitätsdestruktion, die es erlaubt, wider besseres Wissen weiterzumachen wie bisher.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 18.11.2022
Wer nach einer neuen, unaufgeregten Sicht auf das Phänomen "alternativer Fakten" sowie nach sinnvollen Vorschlägen sucht, wie man ihnen beikommen kann, sollte Nils C. Kumkars kluge Analyse lesen, empfiehlt Rezensentin Vera Linß. Statt sich auf die Inhalte zu konzentrieren und in das Klagelied über den Niedergang der Demokratie einzustimmen, schlägt Kumkar vor, sich einmal genau anzuschauen, wie diese Fakten produziert werden, in welchen Situationen und wozu. Er folgt denn auch seinem eigenen Rat, lobt Linß, und kommt zu dem Schluss, dass die Verbreitung von Desinformation stets dazu dient, den Status Quo zu erhalten bzw. die politische Verhandlung gewisser Probleme zu vermeiden. Somit seien alternative Fakten weniger eine Gefahr für die Demokratie, als dass sie indirekt auf einen breiten Konsens verweisen sowie auf bestimmte ungelöste Probleme. Die Rezensentin ist überzeugt: Wenn wir Kumkar folgen und untersuchen, welche Probleme alternative Fakten verbergen wollen, kommen wir weiter, als wenn wir sie wie bisher allein auf der Inhaltsebene bekämpfen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2022
Was der Sozialwissenschaftler Nils C. Kumkar über das Phänomen der alternativen Fakten zu sagen hat, lässt Rezensent Patrick Bahners staunen. Erstens darüber, dass sich die Rede von einer geteilten Wirklichkeit auch anders als kulturkritisch, nämlich philologisch zuspitzen lässt. Und zweitens darüber, wie klar Kumkar in dieser Richtung zu argumentieren weiß. Die Verbindung von sozialtheoretischer Begriffsanalyse und demoskopischer Empirie im Buch findet Bahners ebenfalls überzeugend. Wenn Kumkar sich Conways Ur-Äußerung zu alternativen Fakten en detail ansieht, wird dem Rezensenten deutlich, worum es dabei eigentlich geht: um die Sabotage von Kommunikation, nicht um eine andere Wahrheit.
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