Barbara Honigmann

Mischka

Drei Porträts
Cover: Mischka
Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN 9783446282254
Gebunden, 112 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

"Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit und Jugend umstrahlte." Barbara Honigmann erzählt vom Leben und Überleben der Freunde ihrer Eltern, die den Lagern der Nazis und des Gulag entkamen. Junge jüdische kommunistische Intellektuelle, die für ihre Ideale teuer bezahlten und von denen einige doch immer wieder Auswege fanden. Mischka zum Beispiel brachte in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung in den Siebzigerjahren Dichter und Dissidenten zusammen, die dem Sowjetregime die Stirn boten. Vor dem Hintergrund der mörderischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts bestechen diese mitreißend erzählten Erinnerungen an Bekannte, Gefährten, geliebte Menschen vor allem durch ihre Freundlichkeit, ihre Wärme, ihren Witz.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 06.05.2026

Gegen staatlich und familiär verordnetes Schweigen schreibt Barbara Honigmann in ihrem Buch an, das drei Porträts "anschaulich und empathisch" verbindet, erklärt Rezensent Carsten Hueck. Seine Kritik dreht sich um die Schilderung der Dissidentin Mischka, eigentlich Wilhelmine Magidson, die Honigmann selbst kannte. 1936 wird sie vom NKWD verhaftet und muss jahrelang ins Arbeitslager nach Sibirien. Zurück in Moskau schart die "Moskauer Mama" einen Zirkel von Intellektuellen um sich, die sie immer wieder in ihrer Küche besuchen, darunter zum Beispiel der Historiker Alexander Nekritsch oder Jewgenija Ginsburg. In der Familie Honigmann, die Eltern überlebten den Holocaust durch eine Flucht nach Großbritannien und gingen dann in die DDR, werden sowohl das Judentum als auch die stalinistischen Verbrechen beschwiegen, lesen wir, mit beidem kann sich Honigmann in Mischkas Küche auseinandersetzen. Dem Rezensenten gefällt die "klare, ruhig fließende und eindringliche" Sprache der Erzählungen - eine Befreiung in literarischer Form, meint er. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.04.2026

Ein starkes Buch legt Barbara Honigmann hier vor, so Rezensent Malte Osterloh. Im Zentrum steht die Person, die dem Buch seinen Titel gibt: Mischka, eine Frau, die in jungen Jahren überzeugte Kommunistin in der Sowjetunion ist, bevor erst ihr Mann und dann sie selbst Opfer des stalinistischen Terrors werden und in Arbeitslager gebracht werden. Später nimmt sie Kontakt mit Dissidenten auf und geht schließlich ins Exil. Lebendig wird Mischkas Geschichte nicht zuletzt deshalb, lobt Osterloh, weil Honigmann die Geschichte ihrer Protagonistin mit ihrer eigenen mischt. Neben der Erzählung über Mischka tauchen im Buch noch zwei andere Geschichten von Menschen mit schweren Schicksalen vor, auf die Osterloh nur sehr kursorisch eingeht. Beeindruckt hat ihn scheinbar aber durchaus das ganze Buch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.03.2026

Rezensentin Zelda Biller besucht Barbara Honigmann in ihrer Straßburger Wohnung: Nach Straßburg floh Honigmann 1984 aus der DDR, erfahren wir. Dort hat sie sich mit dem Kommunismus derr Eltern, ihrem Judentum und der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt, Themen, die sie in ihren Bücher seitdem verhandelt, so auch der neueste Band, der aus drei Geschichten besteht, wie Biller erklärt. Den Titel gibt dem Buch Mischka, erfahren wir, eine Kommunistin, die zwanzig Jahre Haft und Verbannung überlebt hat, die die Autorin in den 1970er Jahren in Moskau besucht hat, wo sie Dissidenten wie Lew Kopelew getroffen hat und über die Realität der Gulags aufgeklärt wurde. Die beiden anderen Erzählungen widmen sich dem Schicksal eines jüdischen Ehepaars, das in Frankreich überlebt hat, und dem Dichter Thomas Brasch, mit dem Honigmann eng befreundet war. Biller zeigt sich überzeugt von der Kraft der Autorin, die Ereignisse und Verwerfungen ihres Lebens zu großer Literatur zu machen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 12.02.2026

"Erinnerungspolitisch unverzichtbar" ist dieser Erzählband von Barbara Honigmann für Rezensent Jörg Magenau. Honigmann erzählt darin die Geschichte der Gulag-Überlebenden Mischka, die sie 1960 kennenlernte. Nach zehn Jahren Straflager und weiteren zehn Jahren Verbannung in Sibirien, kommt Mischka wieder nach Moskau, wo Honigmann in ihrer Küche "der dissidentischen russischen Kulturszene" und so einer ganz neuen Welt begegnet. "Verschiedene Perspektiven auf das Jüdischsein" werden in diesen Erzählungen verhandelt, so Magenau, denn Honigmann erzählt auch ihre eigene Geschichte, von ihrem Aufwachsen in einer kommunistischen Familie in Ostberlin, die sowohl ihre Judentum als auch die stalinistischen Verbrechen beschwieg und ihre eigene, spätere Hinwendung zur jüdischen Gemeinde. In einer weiteren, "nicht weniger dramatischen" Geschichte geht es um das jüdische Paar Max und Yvette und ihren Überlebenskampf während der deutschen Besatzung, lesen wir. Magenau findet das Buch in mehrerer Hinsicht bemerkenswert, auch hinsichtlich Honigmanns unermüdlicher "Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft". 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.02.2026

Diese neue Sammlung literarischer Porträts der deutschen Schriftstellerin macht Eindruck auf Rezensent Lothar Müller. Er liest darin unter anderem von der sogenannten "zweiten Generation", den Kindern von jüdisch-kommunistischen Überlebenden, die aus dem Exil zurückgekehrt sind und von ihren Eltern unauffällige Vornamen wie Peter oder Wolfgang erhielten, resümiert der Kritiker. Wo sich der erste Text des Bandes noch auf die Wiederentdeckung der jüdischen Identität der Kinder fokussiert, erzählt das titelgebende Porträt von der Verfolgung aufgrund kommunistischer Überzeugungen. Die Autorin erzählt in mündlich geprägter und ausschweifender Rede vom Leben Mischkas, Tochter einer jüdischen Großindustriellen und später angeklagte Kommunistin, die Honigmann auf ihren Forschungsreisen traf, trägt Müller an uns weiter. Auch wenn der Rezensent nicht näher beleuchtet, wie die Sprache und Struktur des Textes beschaffen ist, lobt er die Sammlung für ihre Nahbarkeit und Lebendigkeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2026

Für den Rezensenten Paul Jandl haben die Bücher von Barbara Honigmann immer bildhaften und literarisch-schriftlichen Charakter zugleich: In diesem neuen Buch zeigt sie als eines von drei Porträts das Leben Mischkas, geborene Wilhelmine Magidson, einer Überlebenden des stalinistischen Terrors, die viele Jahre Arbeitslager hinter sich hat, ein Leben zwischen "endlosem Schnee und sumpfig durchweichter Erde" von kaum vorstellbarer Härte. Mischka und Honigmann, Tochter jüdischer Exilanten, lernen sich in Moskau  in den 1970er-Jahren kennen, wo sie einem Kreis von Intellektuellen angehören, zu denen auch Heinrich Böll oder Lew Kopelew zählen. Jandl ist fasziniert von diesem lakonischen Text, der die Abgründe des 20. Jahrhunderts zeigt, ein "Nebeneinander aus wahnhaften Systemen", in dem die Menschen um ihren Verstand ringen. Auch die beiden anderen Texte in dem Buch zeichnen "Menschenportäts, wie sie die Literatur sonst nicht kennt", versichert der Kritiker, auch wenn Mischkas Geschichte die "eindrücklichste" bleibt. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.02.2026

Rezensent Helmut Böttiger bestaunt die drei autobiografischen Erzählungen in Barbara Honigmanns neuem Buch. Ein weiteres Mal umkreise die Autorin ihr Lebensthema eines international-flottierenden "Kulturjudentums", diesmal aus drei Blickwinkeln: In der Hauptgeschichte geht es um Mischka, eine aus großbürgerlichen Verhältnissen entstammende Kommunistin und Ersatzmutter für die Autorin, die in den 30er Jahren zurück von Berlin nach Moskau musste, wo sie in den stalinistischen Terror geriet, und deren Moskauer Wohnung später aber zu einem zentralen Treffpunkt für Dissidenten wurde. Die zwei anderen Geschichten beleuchten durch zwei Straßburger Begegnungen ("Max und Yvette") hindurch das eher osteuropäische, "sephardische und aschkenasische" Judentum, so Böttiger, und "Peter Thomas Klaus Wolfgang" handelt von der Zweiten Generation, deren Vertreter oft zwischen Genie und Depression schwankten, wie der Kritiker Honigmann wiedergibt. Im Kern gehe es dabei in allen Geschichten um dieses besondere Milieu kommunistischer, intellektueller Jüdinnen und Juden aus aller Welt, die oft in Ostberlin landeten, aber keine feste Verortung kannten. In diese Welt, in der Honigmann aufwuchs, liefert sie hochdifferenzierte Einblicke wie durch ein "fein justiertes literarisches Mikroskop" hindurch, dabei aber trotzdem sprachlich klar und in prägnanten, "eindringlichen Skizzen". Für den Kritiker eine weitere literarisch gelungene "Suche nach einem Fluchtpunkt".

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