Oswald Egger

Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung

Cover: Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518432501
Gebunden, 208 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Als Oskar Fiala, ein in der linken Sozialdemokratie verankerter, vergessener, unbekannter Autor, verarmt und namenlos, 1948 in einem Vorort von Leipzig starb, steht in seiner Todesurkunde die Berufsbezeichnung "Arbeiter, Tiefbau". Der junge Journalist und Schriftsteller führte kreuz und quer durch Europa ein ruhe- und zielloses Wanderleben, dem erst der Weltkrieg ein Ende setzte. Immer wieder kam es dabei zu Schüben dissoziativer Störungen, zur Heranbildung einer neuen Identität, in deren Namen er die tollkühnsten Taten vollführte. Er sammelte Erlebnisse auf, die ihm als Welt in der Welt erscheinen wollten, in deren Beschränkungen er seine Eskapaden auszumalen wusste. Oskar Fiala blickt unentwegt in seinen Welten in der Welt umher, verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, dass ein ungeheimer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze Um und Auf selbstverschränkt als bunte Einheit erscheint. Oswald Eggers Buch über Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung widmet sich dem Formen und Vermengen der Mengen und Unmengen von Erlebnisinhalten ineinander: Wie in einem Gewebe ineinandergreifende Fäden sich wechselständig lösen, halten und binden, so entsteht kein Gedanke, wortwörtlich für sich abgeschieden und vom Übrigen unterbunden, so fest und unauflöslich, so ineinander gewachsen, dass alles aus einem Stück besteht und zu bestehen scheint.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 20.11.2025

Toll findet Rezensent Nico Bleutge, was Oswald Egger in seinem Oskar Fiala gewidmeten Buch so alles anstellt. Fiala war, erfahren wir, ein Dichter, der 1912 inhaftiert und später in Nervenkliniken gebracht wurde. Die psychologische Forschung interessierte sich vor allem für die dissoziative Persönlichkeitsstörung, die bei ihm diagnostiziert wurde. Egger hat anderes im Sinn, ihn faszinieren die frei flottierenden Gedanken in Fialas Kopf, die diversen Stimmen, die er hörte, auch die Art und Weise, wie sich Fialas visuelle Wahrnehmung veränderte. Sehr angetan beschreibt Bleutge, wie sich Egger Fialas Denken teils auch in lautmalerischer Weise oder mithilfe von Zeichnungen nähert. Die einzelnen Kapitel sind einerseits Fialas Bewusstsseinsstrom, andererseits den Bewusstseinsströmen zweier Alter Egos von Fiala gewidmet, erklärt der Kritiker. Ihm gefällt hält, wie sich Egger hier einem Denken und einer Sprache jenseits der Norm widmet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.11.2025

Das neue Buch des Büchnerpreisträgers Oswald Egger erinnert den Rezensenten Tobias Lehmkuhl an Büchners Lenz: Es geht um Oskar Fiala, den Egger im Nachwort als  Schriftsteller ausweist, der real existierte, von dem aber keine Texte überliefert sind. Er ist eine komplexe Figur, irgendwo zwischen Psychiatrie, Krieg, Gelehrtendasein, lesen wir. Egger macht daraus eine Geschichte, in der es um die Auflösung der klaren Konturen des Ich geht und die mit vielfältigen Bezügen auf die deutsche Literatur ausgestattet ist, nicht nur auf Büchner, sondern auch auf Hofmannsthal oder sein eigenes Werk, so Lehmkuhl. Er muss ein bisschen aufpassen, sich nicht im Text zu verwirren, genießt diese Aufgabe aber auch merklich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Ziemlich restlos begeistert ist Rezensent Dietmar Dath von Oswald Eggers Buch. Und zwar, weil sich hier kein Satz Ursache-Wirkung-mäßig aus dem vorherigen ergibt. Stattdessen, staunt Dath, zieht Egger Ursache und Wirkung oft viele Seiten weit auseinander, eine allgemeingültige Anleitung, wie denn das alles, was in dem Buch steht, zu verstehen sei, gibt es gleich gar nicht. Die protokollarisch anmutenden Passagen etwa, die davon berichten, wie die Hauptfigur des Buches, Oskar Fiala, sich psychiatrischer Behandlung unterzieht, sollen keineswegs so verstanden werden, dass es sich bei den übrigen, disparaten Teilen des Texts schlicht um eine Darstellung des Denkens eines psychisch Kranken handelt. Vielmehr destabilisierten die disparaten Stellen die protokollarischen. Dath schwärmt ausführlich über Eggers Sprache, die er als eine Art alternative Unterhaltungsliteratur beschreibt, die sich sowohl von den simplen Sex-und-Gewalt-Fantasien realexistierender Unterhaltungsromane als auch von akademisch verhärteter Avantgarde-Schreiberei unterscheidet. Insgesamt also schlichtweg ein tolles Buch, könnte man die Besprechung resümieren.

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