Solsbüll ist ein Städtchen im nördlichen Schleswig-Holstein, tiefste Provinz und doch ein Ort, in dem die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Dort verknüpfen sich die Lebensgeschichten dreier Generationen, verkörpert in drei Männern, die als Großvater, Vater und Sohn denselben Namen tragen: Gustav Hasse. Während die ersten beiden in den Weltkriegen fallen, überlebt der 1941 geborene dritte Gustav und wächst in einem Hebammen-Haushalt auf.
Im Schicksal zweier Frauen, seiner Großmutter Anne und seiner Ziehmutter Gret, spiegelt sich die Zeit: Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg erleben die beiden Hebammen Aufstieg und Blüte des Nationalsozialismus und sein katastrophales Ende. Sie sehen bei Freunden und Nachbarn Opportunismus und Feigheit, erleben Treulosigkeit, Hass und Gewalt. Beide sind nicht im Widerstand aktiv, tragen aber ihr Herz auf dem rechten Fleck und schöpfen auch Kraft aus dem Beruf: Jedes neugeborene Leben ist einzigartig, also kostbar. Und so handelt der Roman nicht nur von Mitläufern und Mördern, sondern auch von Liebe, Widerspruchsgeist und kleinen Heldentaten der Menschlichkeit.
Jochen Missfeldts Roman wurde 1989, als er in einem kleinen Verlag erstmals erschien, kaum beachtet. Nun lässt sich die Geschichte einer Familie, die in einer Gesellschaft von lauter Wendehälsen aufrecht bleibt, endlich wiederentdecken.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 23.11.2017
Rezensent Jochen Jung freut sich, dass der Rowohlt Verlag zeitgleich zum Erscheinen von Jochen Missfeldts neuem Roman "Sturm und Stille" auch den Roman "Solsbüll" in einer "leicht revidierten" Neuauflage herausgegeben hat. Gern taucht der Kritiker noch einmal ein in Missfeldts Familiengeschichte, begegnet Großvater, Vater und Sohn Gustav, erlebt zwei Weltkriege in einem Dorf und staunt über die Kunst des Autors "wortkundig" vom Sterben zu erzählen. "Schön, wohlklingend, robust", lobt der Rezensent.
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