Warum ist Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiografie "Mein Leben" weniger aufrichtig, als er vorgibt? Weshalb kann Alfred Andersch in seinem Buch "Der Vater eines Mörders" nicht gerecht sein? Und welche Wahrheit steckt hinter den Märchen in Günter Grass Roman "Die Blechtrommel"? Wie viele Autoren täuschen diese drei sich und ihre Leser. Und wie allen gelingt es ihnen nicht: Es gibt eine Wahrheit des Erzählens, eine Wahrheit hinter den Worten, die mehr zu wissen scheint als der Autor. Ihr ist die Schriftstellerin Petra Morsbach auf der Spur. Sie liest diese drei Bücher zu Krieg und Drittem Reich neu und fragt nicht, was erzählt werden soll: Sie fragt, was wird erzählt bei Grass, Andersch und Reich-Ranicki!
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.10.2006
Sehr genau hingeschaut hat Andreas Dorschel bei der Lektüre von Petra Morsbachs Essay über die Wahrheit des Erzählens und zitiert in seiner Rezension ausgiebig daraus - nicht nur wegen der Komplexität seines Gegenstandes, sondern auch, weil dieser von der Autorin sprachlich besonders gut getroffen wird. Und gerade diesem Zusammenhang zwischen Sprache, Erzähltem und Erzähler widmet sich Morsbachs Essay, vor allem in Gestalt der Widerständigkeit der Sprache gegen die Absichten des Erzählers. Wo diese auseinander fallen, wo der Erzähler also von seiner eigenen Sprache verraten wird, da offenbart sich die Wahrheit der Sprache, berichtet der Rezensent. Wahrheit, so weiß er, ist für Morsbach untrennbar von Sprache, und wer an der Sprache arbeite, arbeite an der Wahrheit. Doch wenn sie zur Überprüfung ihrer Überlegungen Texte von Andersch, Reich-Ranicki und Grass analysiere, dann staple sie zu tief, meint der Rezensent. Feinere Kost, etwa eine Erzählung von Kleist, wäre Morsbachs hohen essayistischen Qualitäten und ihrer "formidabel" eingeführten Idee eher würdig gewesen, so der Rezensent angetan.
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