Der Wiederaufbau historischer Symbolbauten gilt als Engagement für historisches Bewusstsein, architektonische Schönheit und Reparatur von Stadtraum. Doch die vermeintlich unpolitischen Fassaden zielen auf eine Änderung unseres Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses: Populistisch werden Zeiten vor 1918 idealisiert, Brüche negiert, gewachsene Identitäten überschrieben. Und immer wieder sind Rechtsradikale an diesen Projekten beteiligt, als Initiatoren oder Großspender. Philipp Oswalt zeigt die ideologischen Hintergründe der Debatte an Fallbeispielen auf. Ob Garnisonkirche Potsdam, neue Altstadt oder Paulskirche in Frankfurt, Berliner Schlosskuppel oder die Dessauer Meisterhäuser - Oswalt diskutiert jenseits einseitiger Sichtweisen, mit Gespür für das Einsickern reaktionärer Vergangenheitsinterpretationen und identitätspolitisch unterlegter Ideologien in die zeitgenössische Stadtplanung.
Rezensent Florian Heilmeyer hat Philipp Oswalts schneidigen Essay über architektonische Identitätspolitik mit Gewinn gelesen. Knapp, locker und versiert erklärt der Architekturtheoretiker darin anhand weniger, aber aussagekräftiger Beispiele, wie in deutschen Innenstädten spätestens seit 1980 die Revision der Geschichte vorangetrieben wird: Bauten der Moderne werden zunehmend abgerissen, um für Rekonstruktionen von Gebäuden aus der Zeit vor 1918 Platz zu schaffen, fasst Heilmeyer zusammen. Dass solche Rekonstruktionsprojekte oft politisch motiviert sind, zeigt ihm ein Blick auf die Akteure hinter diesen Projekten. So ging der Wiederaufbau der Garnisonskirche etwa von einer Initiative aus, die aus "rechtsextremen Soldatenkreisen" hervorgegangen war, weiß der Rezensent nach der Lektüre des Büchleins. Dass der Autor sich nicht immer der Polemik erwehren kann, scheint Heilmeyer nicht allzu sehr zu stören.
Etwas zwiespältig resümiert Claudius Seidl in der FAZ die jüngsten Debatten um rechtsextreme Spender für alttestamentliche Prophetenskulpturen, die jetzt auch noch auf die Berliner Stadtschlossattrappe gesetzt werden. Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt hatte das ja alles aufgedeckt, während die deutsche Presse noch schlummerte (und war das FAZ-Feuilleton nicht seinerzeit eher begeistert von dem Schlossprojekt?) Nun wirkt alles wie eine Verschwörung, so Seidl, "wenn nicht alles öffentlich und ohne jede Geheimhaltung geschehen wäre". Unser Resümee
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