Die Projektoren
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783100022462
Gebunden, 1056 Seiten, 36,00
EUR
Klappentext
Von Leipzig bis Belgrad, von der DDR bis zur Volksrepublik Jugoslawien, vom Leinwandspektakel bis zum Abenteuerroman. "Die Projektoren" erzählt von unserer an der Vergangenheit zerschellenden Gegenwart - und von unvergleichlichen Figuren: Im Velebit-Gebirge erlebt ein ehemaliger Partisan die abenteuerlichen Dreharbeiten der Winnetou-Filme. Jahrzehnte später finden an genau diesen Orten die brutalen Kämpfe der Jugoslawienkriege statt - mittendrin eine Gruppe junger Rechtsradikaler aus Dortmund, die die Sinnlosigkeit ihrer Ideologie erleben muss. Und in Leipzig werden bei einer Konferenz in einer psychiatrischen Klinik die Texte eines ehemaligen Patienten diskutiert: Wie gelang es ihm, spurlos zu verschwinden? Konnte er die Zukunft voraussagen? Und was verbindet ihn mit dem Weltreisenden Dr. May, der einst ebenfalls Patient der Klinik war?
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.10.2024
Sätze, die "tiefdunkel funkeln" macht Rezensent Cornelius Pollmer in Clemens Meyers monumentalem Roman aus. Nach der Aufregung um Meyers Wutanfall auf der Buchmesse wird es Zeit, sich wieder dem Text selbst zuzuwenden, fordert der Kritiker, denn dieser verlangt zwar nach Zeit und Konzentration, stellt sodann aber schlicht eine "schwer beeindruckende erzählerische Leistung" dar. Mal "wahnhaft abfließend", mal beunruhigend, mal "brüllend komisch" ist diese Geschichte, deren Inhalt so schwer zusammenzufassen ist, schwärmt Pollmer. So viel lässt sich sagen, es geht um die zweite Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, den Zerfall Jugoslawiens und Karl May. Einen der wenigen Fixpunkte bietet die Figur "Cowboy", die sich am Widerstand der Tito-Partisanen gegen Hitler beteiligt und später beim "Kostümfilm durchschlägt" und noch ganz viel mehr, dass der Rezensent gar nicht alles aufführen kann. Es gibt hier atemberaubende Beschleunigungen, Verschränkungen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Traum und Realität, "apokalyptische Feuerwerke" und Sätze, die Pollmer "Nägelkauen" lassen - jedenfalls ganz großes Kino, findet der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 10.10.2024
In Clemens Meyers "Die Projektoren" geht es wild durcheinander, Orte, Zeitstränge und Geschichten mischen sich, wechseln sich ab. Das klingt anstrengend, schafft aber "überraschend Zusammenhänge", versichert ein begeisterter Rezensent Jörg Magenau. Aber seinen Figuren widmet Meyer viel Aufmerksamkeit, manche davon bleiben dem Kritiker unvergesslich. Hauptfigur ist ein Junge, der beim Großangriff der Deutschen auf Belgrad 1941 seine Mutter sterben sah, zu den Partisanen geht, auf eine Sträflingsinsel verbannt wird und sich nach Kriegsende als Filmkomparse durchschlägt. Aber auch die Jugoslawienkriege der 90er spielen eine Rolle. Magenau ist tief beeindruckt von der umfassenden Recherchearbeit Meyers für diesen Roman, noch mehr aber fasziniert ihn, wie Meyer immer wieder vom präzise beschriebenen realen Detail ins Fiktionale schneidet und so den Leser in "surreale Bewusstseinsabgründe" führt. "Große Literatur", ruft er.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 02.09.2024
Ein wilder Ritt von Nirgendwo nach Nirgendwo, in dem dennoch die ganze Gewaltgeschichte der europäischen Nachkriegsdekaden steckt: so ungefähr beschreibt Rezensentin Doris Akrap Clemens Meyers neuen Roman. In dessen Zentrum diesmal, beschreibt Akrap, nicht die DDR, sondern Jugoslawien steht. Hauptfigur ist, heißt es weiter, ein Mann, der zumeist nur Cowboy genannt wird, der mit Titos Partisanen gegen die Nazis kämpfte, später Darsteller in deutschen Indianerfilmen wird und noch später als Groschenromanschreiber im Ruhrpott lebt. Aber es passiert noch viel mehr, zählt Akrap auf: eine Art proto-NSU marodiert in Kroatien, Ärzte sprechen in Leipzig oder im Jemen über Patienten und verheddern sich in ihrer eigenen Rationalität, eine blonde Frau wird zu Cowboys Love Interest, endet aber womöglich als Wasserleiche und so weiter. Man kann sich in diesem sprachlich vielseitigen Roman heillos verlaufen, gesteht Akrap ein, Anfänge und Enden sind hier praktisch nie in Sicht, alles hängt mit allem zusammen, aber wenn man sich dem Erzählfluss hingibt, wird die Lektüre gleichwohl zu einer außerordentlich reichhaltigen Erfahrung. Meyer versucht hier, beschreibt die Rezensentin, den politischen Irrungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Sinn abzuringen und stößt dabei doch nie auf Gewissheiten, sondern lediglich auf Filmrisse, Verunsicherungen und Erinnerungen, denen nicht zu trauen ist. Insgesamt eine Herausforderung, die anzunehmen sich unbedingt lohnt, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2024
Clemens Meyer hat "das Maßlose zu seinem Maßstab gemacht", verkündet Rezensent Andreas Platthaus in seiner umfangreichen Besprechung. So auch in diesem neuen, tausendseitigen Roman, der Erzählstränge von Karl May-Huldigungen bis zum Jugoslawienkrieg miteinander verschränkt. "Edelmenschen" wie bei Karl May sind seine Protagonisten nicht, im Gegenteil, immer wieder machen sie mit besten Absichten die schlimmsten Fehler. Neben May sind Celine, Malaparte, Jünger und Heiner Müller seine Inspirationen, um nur ein paar zu nehmen - auch alles eher zwiespältige Autoren, was zu einem chaotischen Stimmengewirr führt, das Platthaus mindestens interessant findet, spiegelt sich doch die ganze Moderne darin. Auch die Montagetechnik des Autors bewundert er. Literarisch, unterhaltsam und zugleich ernsthaft führt der Roman durch das irre 20. Jahrhundert - alles was der Leser mitbringen muss, ist Entdeckerfreude, empfiehlt der sichtlich beeindruckte Rezensent.
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Deutschlandfunk Kultur, 29.08.2024
Rezensentin Stephanie von Oppen möchte Clemens Meyer für seinen neuen Roman am liebsten gleich den Deutschen Buchpreis verleihen. Meyer entwirft ein atemberaubendes Panorama, jubiliert sie. Das Buch ist zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Jetztzeit angesiedelt und spielt in diversen Ländern, vereinigt jede Menge Geschichten, Tonarten und Schreibformen. Über allem schwebt, heißt es weiter, der Western, als eine Art Grundmetapher, aber auch als Stimmung, die zum Beispiel "Cowboy" anhaftet, der eine Hauptfigur des Buches zu sein scheint, ein Tito-Partisan, der später in DDR-Indianerfilmen mitspielt und noch später im IS-Irak landet. Nazis mischen auch mit, fährt Oppen fort, wobei selbst die von Meyer mit Empathie bedacht werden, wie das Buch laut Rezensentin überhaupt von psychologischem Tiefsinn geprägt, außerdem teils ausgesprochen lustig und, eben, durch und durch preiswürdig ist.
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Frankfurter Rundschau, 28.08.2024
Rezensentin Judith von Sternburg zeigt sich begeistert von Clemens Meyers groß angelegtem neuen Roman. Darin wird auf über 1000 Seiten "Dr. May" - Karl May hat nicht nur Winnetou und Old Shatterhand, sondern auch sich einen Doktortitel erdichtet - gehuldigt und mit zahlreichen Referenzen auf sein Werk eine fantasievolle, an Erzählsträngen reiche Geschichte entsponnen. Schauplätze sind unter anderem ein Kino in Novi Sad (damals Jugoslawien), in dem die titelgebenden Projektoren stehen, sowie eine Leipziger Irrenanstalt. Zu den Figuren, die durch viele Vor- und Rückblenden leiten, gehören laut der Rezensentin ein kleiner Junge, der das deutsch-ungarische Massaker von 1942 knapp überlebt, und ein an Mays Werk erinnernder LEX, der in besagter Leipziger Anstalt lebt. Von Sternburg bewundert vor allem Meyers Dialoggestaltung und die Art und Weise, wie er in diesem bei allen Einfällen realistischen Roman die Fäden in der Hand behält. Diese ausführliche, obendrein die deutsche und jugoslawische Geschichte thematisierende Hommage an May kann sie sehr empfehlen.
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Die Welt, 24.08.2024
Für den Rezensenten Richard Kämmerlings darf Clemens Meyers Roman so lang sein, wie er ist: über 1000 Seiten, und Kämmerlings ist begeistert von der Wucht aus Historie, deren schlauer Kombination mit Popkultur, und von Meyers erzählerischer Wandelbarkeit. Im Groben geht es um die blutige Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, die mit Leben und Werk Karl Mays überblendet wird, erklärt Kämmerlings - da sitzen dann Lex Barker und ehemalige Partisanen am Lagerfeuer in der kroatischen Ebene zusammen und reden über reale Kriegserlebnisse, während sie gemeinsam Indianerfilme drehen, fasst der Kritiker fasziniert zusammen. Auch andere Gegensätze führe der Autor gekonnt zusammen: Hoch- und Popliteratur - artifizielle Bewusstseinsströme stehen hier neben melodramatischen Dialogen voller "Kalauer" -, und schließlich, für den Kritiker besonders spannend, die östliche und die westliche Erzähltradition. So lasse Meyer gleichermaßen Einflüsse der von ihm geliebten amerikanischen Literatur wie auch etwa von Ivo Andrić oder Aleksandar Tišma einfließen. Wie Meyer diesen Spagat schafft, zwischen der Wucht einer Gewaltgeschichte und dem "Verspielt-Albernen", und dabei auch noch "lustvoll" erzählerische Experimente unterbringt, findet der Kritiker bahnbrechend. Ein großer Wurf für Kämmerlings.
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Die Zeit, 22.08.2024
Einen Roman, der "fürderhin etliche Doktorarbeiten alimentieren" wird, hat Rezensent David Hugendick mit Clemens Meyers neuem Buch vor sich: Auf rund tausend Seiten breitet er eine Geschichte auf den Koordinaten des Erzählkosmos von Karl May aus, die sich von Jugoslawien bis zum NSU spannt, vom Zweiten Weltkrieg bis zum Leipzig der Gegenwart. Die meisten Erzählfäden hängen sich an der Figur namens Cowboy auf, einst jugoslawischer Partisan im Zweiten Weltkrieg, heute einzelgängerischer Bergbewohner. Nazis, Bomben, Kino, Karl May, Balkankrieg, Irak, Faschismus, Sozialismus, Kapitalismus, Moby Dick, Döblin und Neonazis - alles von Meyer nach einem Montageprinzip zusammengebaut, das für Hugendick eindeutig filmische Vorbilder hat. Einen Leser kann das leicht überfordern. Und doch: der Kritiker hat sich dieser "literarisch hochgebildeten" und streckenweise meisterlichen "Überwälgtigungsprosa" gern ergeben.