Aus dem Französischen von Karen Ilse Horn. Philippe Nemo unternimmt in diesem Buch mit Hilfe einer geschichtlichen Untersuchung den Versuch, den Begriff des "Westens" systematisch herzuleiten. Er betrachtet die abendländische Kultur dabei weder als ein Produkt des Zufalls noch der Zwangsläufigkeit, sondern erkennt in ihr vielmehr eine umfassende Aufbauleistung des Geistes, die von fünf Schlüsselmomenten strukturiert wird: die Erfindung der Polis und der Wissenschaft durch die Griechen, die Erfindung des Privatrechts und des Humanismus durch Rom, die ethische und eschatologische Prophezeiung der Bibel, die päpstlichen Revolutionäre des elften bis dreizehnten Jahrhunderts und schließlich alles, was man gemeinhin als die großen demokratischen Revolutionen der Neuzeit bezeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2006
Michael Schefczyk bleibt skeptisch. Er findet Philippe Nemos Plädoyer für eine konsequente Verwestlichung der westlichen Politik nicht stichhaltig, beinahe bedrohlich, und das liegt nicht an dem "dramatischen Tremolo" der Darstellung. Grund der Irritation des Rezensenten ist vor allem die Begründung, mit der der Philosoph und Ideengeschichtler seine Thesen vertritt. Nemo zufolge beruhe die Einheitlichkeit des Westens nämlich auf fünf historischen Faktoren: der Polis, dem römischen Rechtssystem, der Ethik der Bibel, der "päpstlichen Revolution" wie deren demokratischen Pendants. Aus diesem Fünfsatz nun leite Nemo, findet Schefczyk, befremdliche Schlussfolgerungen ab wie die, dass Griechenland nicht zum Westen zu rechnen sei, da das orthodoxe Land nicht von der "päpstlichen Revolution" betroffen war. Auf der Basis solcher Erwägungen ermuntere Nemo dann dazu, eher eine Anbindung der EU zu Nordamerika und Australien zu suchen als zu östlichen Ländern.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2006
Philippe Nemos Buch "Was ist der Westen?" hat den mit "G.S." zeichnenden Rezensent nicht wirklich überzeugt. Die Thematik, die der Autor in seinem Essay behandelt, die Frage, was eigentlich "den Westen" ausmacht, findet er überaus bedeutend. Zu seinem Bedauern hält das Buch aber nicht, was der Titel verspricht. Lob gibt es aber trotzdem. So hält G.S. dem Autor zu Gute, die 2000-jährige westliche Kulturgeschichte auf knappen Raum zu durchqueren und dabei eine Fülle von Wissen zu vermitteln. Die essayistische Zuspitzung und Verkürzung erscheint ihm reizvoll, mache sie den Text doch "über weite Strecken leicht sowie spannend lesbar". Kritisch betrachtet er andererseits zahlreiche apodiktische Aussagen, Inkonsistenzen sowie tendenziöse Interpretationen. Zudem spricht seines Erachtens ein "übersteigertes westliches Selbstbewusstsein" aus dem Text. Das Fazit des Rezensenten: ein "anregender Essay mit gravierenden Schwächen".
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