Herausgegeben von Ernst-Peter Wieckenberg und Barbara Picht. Anfang 1932 veröffentlichte Ernst Robert Curtius (1886 - 1956) seine polemische Schrift Deutscher Geist in Gefahr. Danach, so schien es, schrieb er nur noch Aufsätze und publizierte erst 1948 wieder ein großes Werk: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Niemand wusste, dass er 1932 ein weiteres Buch verfasst hat: Elemente der Bildung. Seiner Warnung vor der Zerstörung der abendländischen Bildungstraditionen sollte damit ein positives Bildungskonzept folgen - doch es kam anders. Die sorgfältige Edition macht Curtius' Buch erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. In einem Nachwort geht Ernst-Peter Wieckenberg der Frage nach, welche persönlichen und politischen Umstände das Erscheinen verhindert haben. Er verortet das Buch in Curtius' Denken und den Debatten der Zeit und zeigt eindrucksvoll, wie sich ein deutscher Geisteswissenschaftler gegen die ideologische Vereinnahmung der Bildung stemmte und dabei selbst im Strom der Ideologien mitschwamm.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2017
Niklas Bender entdeckt in diesem bisher unveröffentlichten Buch von Ernst Robert Curtius aus dem Jahr 1932 einen Autor, der verzweifelt versucht, vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und der Angst vor Kulturverfall und Massenuni das Bildungsbewusstsein der Deutschen zu retten. Laut Bender legt Curtius zu diesem Zweck zunächst ein Bildungsfundament und unterscheidet sodann im Anschluss an Max Scheler drei Wissensformen. Hier fragt sich der Rezensent bereits, an welches Publikum der Autor wohl dachte, da Curtius seinen einfachen Stil immer wieder mit "voraussetzungsreichen" Abschnitten unterbricht, wie Bender anmerkt. Auch wenn der mit einem umfangreichen Apparat ausgestattete Band laut Bender eine Lücke im Werk des Autors schließt, indem hier Curtius' Bildungsgedanke präzisiert wird, überzeugt ist der Rezensent nicht. Der verfolgte Ansatz, mittels christlich-antiker Grundlagen ewigen Sinn zu vermitteln und die deutsche Identität zu festigen, scheint Bender doch allzu antiquiert und überdies in der Sicht zu eng national, zumal von einem ausgewiesenen Romanisten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.02.2017
Gleich aus mehreren Gründen ist Rezensent Gustav Seibt dankbar für die Edition dieses 1932 entstandenen, bisher unbekannten Werks des Philologen und Kulturkritikers Ernst Robert Curtius. Zum einen liest der Kritiker das Buch als "positive" Fortsetzung von Curtius' Werk "Deutscher Geist in Gefahr": Hier werde nicht nur eine Art deutscher Kulturidentität, die den Begriff "Bildung" als Pendant zur französischen "Zivilisation" verstehe, entworfen, klärt Seibt auf, sondern auch Bildung als "Weltwissen" definiert: Jenes schreite Curtius großzügig - mitunter allerdings auch "gnadenlos" veraltet ab, so der Rezensent. Aktuell erscheint ihm jedoch Curtius' Blick auf den Sektengeist der bündisch inspirierten Jugend, der den Kritiker an heutige Filterblasen erinnert. Insbesondere aber lobt Seibt das "hochgelehrte" und spannende Nachwort von Ernst-Peter Wieckenberg, das wie eine eigene Monografie das geistige und biografische Beziehungsgeflecht der "Elemente der Bildung" skizziert.
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