Aus dem Französischen und mit einem Abc der Anblicke versehen von Maximilian Gilleßen und Stefan Ripplinger. Bekannt ist Raymond Roussel als Ingenieur delirierend-phantastischer Wortwelten, bekannt sind seine Romane voller exotischer Rituale, theatraler Maschinen und blutiger Szenen. Ein anderer Roussel bleibt in seinen frühen Versdichtungen zu entdecken: ein Zeitgenosse Marcel Prousts, ein scharfer Beobachter der Gesellschaft, ein Meister der Ekphrasis und ein Humorist. Ob es sich um die Fotografie einer Strandszene, das illustrierte Etikett einer Mineralwasserflasche oder die Zeichnung eines Hotelbriefbogens handelt: Stets dringen die drei in "Der Anblick" versammelten Versepen in immer neue Dimensionen des Winzigen vor. Ihre minutiöse Beschreibungskunst hat die Ästhetik des Nouveau Roman vorweggenommen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2023
Rezensent und Literaturwissenschaftler Niklas Bender freut sich sehr über die sorgfältig editierte Herausgabe dreier Texte des französischen Avantgardisten Raymond Roussel, der der Öffentlichkeit (anders als der Forschung) noch kaum bekannt sei. Zu Unrecht, wie Bender findet: Beeindruckt ist er von den drei in Alexandrinern verfassten Texten, die jeweils von einem Miniaturbild - auf einem Briefkopf oder auf einer Evian-Flasche - ausgehen, sich dann aber zu ausschweifenden, detaillierten "tableaux vivants" ausfalten. Spannend findet der Kritiker, wie sich Roussel dabei zum einen als moderner Schriftsteller und Vorreiter des Nouveau Roman zeigt - trotz des klassischen Versmaßes, von dem er nur "unlyrischen Gebrauch mache". Vor allem lobt er aber die Übersetzung und das Nachwort von Maximilian Gilleßen und Stefan Ripplinger, die im Anhang (eine "Mini-Monografie", lobt Bender) eine präzise und kluge Kontextualisierung und Deutung liefern. Eine tolle Leistung des zero sharp-Verlags, schließt der Kritiker.
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