Kinderlosigkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern sozial und kulturell geprägt, argumentiert Regina Toepfer. Anknüpfend an aktuelle Diskussionen über Samenspende, Adoption, Kinderfreiheit und bereute Mutterschaft untersucht sie, wie im Mittelalter über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit gesprochen wurde. In der Theologie, der Medizin und im Recht, aber auch in der Erzählliteratur zeichnen sich auffällige Unterschiede ab: Für die einen ist Kinderlosigkeit ein großes Problem, für die anderen ein hohes Ideal. Das Buch fragt nach den Gründen für diese Wertungen und nach historischen Veränderungen. Offengelegt werden so verschiedene Erzählmuster, die Geschichten der Kinderlosigkeit bis in die Gegenwart prägen: Das Spektrum reicht vom spät erfüllten Kinderwunsch dank göttlicher oder dämonischer Hilfe über soziale und religiöse Alternativen bis hin zur bewussten Entscheidung gegen Elternschaft und dem wunschlosen Glück innig Liebender.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2020
Viel gelernt hat Rezensentin Kerstin Maria Pahl, auch wenn sie die Diskurssternchen wie in "Un*fruchtbarkeit" etwas genervt haben. Denn die Kritikerin bezweifelt den analytischen Gehalt solcher kategorialen "Spielerei" und manche Analogien zwischen dem Mittelalter und Heute findet sie auch wenig sinnvoll. Aber großartig aufgefächert scheint ihr der weite Raum der Mediävistik, ihre vielen Topoi und Narrative zur Kinderlosigkeit, die Darstellung der sich verändernden Haltung der Kirche und schließlich die des großen Bruchs der Reformation, die vor den Glauben die Familie setzte. Trotz einiger Schwächen, so Pahls Resümee, ein höchst lesenswertes Buch.
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