James Baldwin
Der Zeuge

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406813696
Gebunden, 233 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Schon zu Lebzeiten machten ihn seine Bücher "Giovannis Room" und "The Fire Next Time" berühmt und brachten ihn auf die Coverseite des "Time Magazine". Aber Baldwin war schwarz und schwul, die Gesellschaft, in der er lebte, rassistisch und schwulenfeindlich. Aus dieser Spannung ist ein einzigartiges Werk entstanden, das die Tore weit aufgestoßen hat, durch die Generationen von Aktivisten nach ihm gegangen sind. Am 2. August 2024 wäre der große Autor, den manche einen Propheten nannten, 100 Jahre alt geworden. In seinem Porträt skizziert René Aguigah das Leben Baldwins von der Herkunft in ärmlichen Verhältnissen in Harlem bis zur Flucht vor dem alltäglichen Rassismus nach Paris, seinen rasanten Aufstieg zu einem gefragten Redner und seine Beziehungen mit Martin Luther King und Malcolm X. Vor allem aber begibt sich Aguigahs essayistisches Buch auf die Suche nach dem, was Baldwin uns heute noch mitzuteilen hat. Es fragt nach dem Verhältnis zwischen seinem Künstlertum und Aktivismus, der Spannung zwischen Literatur und Politik, seinem Eintreten für Minderheiten und seinen universalistischen Überzeugungen. Baldwin, der Hass so gut kannte, hielt in seinen Romanen und Essays an der Liebe als Hoffnung fest.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.08.2024
Rezensent Felix Stephan nimmt das Erscheinen von René Aguigahs Porträt des Schriftstellers James Baldwin zum Anlass, über das Phänomen James Baldwin nachzudenken. Dabei unterscheidet er - ausgehend von seiner offenbar durchaus fruchtbaren Lektüre - zwischen dem Autor einerseits und dem in seiner Wirkung und in seiner Reichweite kaum zu überschätzenden Social-Media-Phänomen andererseits. Wie sehr sich Baldwins Texte anbieten für die digitale Zerstückelung, zeigt Aguigah noch einmal anschaulich anhand der wichtigsten viralen Text-Schnipsel, so Stephan, der in dieser Fragmentierbarkeit auch eine Qualität erkennt: Dass ein Werk selbst nach seiner Zerlegung in seine kleinsten Partikel, immer noch Erkenntnisfunken schlägt, spreche für seinen Autor. Und doch erkennt der Rezensent auch eine gewisse Tragik in der Tatsache, dass es gerade die Sentenzen des Essayisten und Aktivisten Baldwin sind, die heute so munter reproduziert werden, während der Romancier, der Baldwin doch immer in erster Linie sein wollte, heute weitgehend unbekannt ist. Diese Tragik, so Stephan, arbeitet Aguigah wunderbar heraus. So bietet die Lektüre also Gelegenheit, Baldwin nicht nur als schwarzen US-Amerikaner, sondern auch als Künstler und Erzähler näher kennenzulernen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 31.07.2024
Mithilfe von René Aguigahs neu erschienener Biografie zu James Baldwin lässt sich das Werk dieses hochbedeutenden Schriftstellers, der 2024 hundert Jahre alt geworden wäre, neu entdecken, befindet Rezensent Daniel Haas. Der Literaturwissenschaftler und Journalist führt darin, so Haas, gekonnt in Leben und Werk Baldwins ein und versteht es, dessen Romane und Essays sowohl als kritisch-genaue Darstellung ihrer Zeit als auch als wichtige literarische Neuerungen zu lesen. Denn Texte wie der Essay "Nach der Flut das Feuer" von 1962 oder das späte Prosawerk "Beale Street Blues" sind dem Rezensenten zufolge kluge, scharfe Plädoyers gegen Rassismus und Homofeindlichkeit, zugleich aber sei es ihr ästhetischer Reiz, der den darin enthaltenen Ruf nach Freiheit greifbar mache. Die Darstellung dieses Zusammenspiels gelingt Aguigah laut Haas ausgezeichnet. Und so lässt er sich bei der Wiederentdeckung von Baldwins Werk gern von dessen philologisch genauer Lebens- und Werkdarstellung leiten.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 27.07.2024
Rezensent Diedrich Diederichsen beginnt seine Besprechung mit der Beschreibung einiger Fotografien, die James Baldwin zeigen und die außergewöhnliche Wirkung veranschaulichen, die der Schriftsteller auf seine Umgebung ausübte. Mit René Aguigahs Buch über Baldwin identifiziert Diederichsen zunächst die Auseinandersetzung mit Rassismus, durchaus auch direkt mit weißen Rassisten, als eine zentrale Triebfeder im Werk des Intellektuellen Baldwin. Aguigahs Biographie arbeitet gekonnt zentrale Motive heraus, die sich in vielen Schriften Baldwins finden, lobt Diederichsen, wie etwa die Erkenntnis, dass nicht nur schwarze Amerikaner unter Rassismus leiden, sondern auch weiße, da ihr Rassismus ihnen den Zugang zu Freiheit in einem existentialistischen Sinne verwehrt. Außerdem beschäftigt sich der Kritiker mit Bezug auf die Lektüre mit Baldwins Verhältnis zu jüngeren, radikaleren Aktivisten, wie insbesondere Amiri Baraka, deren unbedingte Politisierung von Kunst und Denken Baldwin eher nicht teilte. Mit Blick auf Baldwins Verhältnis zu Gruppierungen wie der Nation of Islam und den Black Panthers findet Diederichsen: letztere kritisiert Aguigah teilweise zu Unrecht. Insgesamt liest der Kritiker Aguigahs Buch mit viel Gewinn - auch weil es ihm Lust macht, Baldwins im besten Sinne disziplinlose Texte ein weiteres Mal zu lesen.