Herausgegeben von Vincent Streichhahn und Hans Geske. Der Soziologe Robert Michels steht in seinem eigenen Schatten als Klassiker der Parteiensoziologie. Neben seiner weltberühmten Parteienstudie erschien jedoch im Jahr 1911 mit den "Grenzen der Geschlechtsmoral" ein Buch, das ein anderes Licht auf das Gesamtwerk des Wahlitalieners wirft. Mit der vorliegenden Neuausgabe ist die sexualaufklärerische Schrift nach 110 Jahren wieder regulär erhältlich und wurde von den Herausgebern mit weiteren Artikeln von Michels zu Sexualmoral, Geschlechterverhältnissen und Frauenbewegung aus dessen frühen Schaffensperiode vor dem Ersten Weltkrieg ergänzt. Statt als Elitetheoretiker erscheint Robert Michels in diesen Schriften als feministischer Mitstreiter der Frauenbewegung sowie soziologischer Bewegungsforscher. Die Grundlage für eine kritische Relektüre des Michels'schen Gesamtwerkes ist damit gelegt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2022
Der hier rezensierende Politikwissenschaftler Sebastian Huhnholz empfiehlt die Wiederlektüre der nun - erstmals seit dem Erscheinen 1911 - neu herausgegebenen Schriften des Soziologen Robert Michels. Der Sozialdemokrat Michels wurde im Kaiserreich mit Berufsverbot belegt und trat später Mussolinis Partito Nazionale Fascista bei. In diesem Frühwerk erkennt der Kritiker aber die zu Beginn noch radikale Liberalität des Autors: Mit Leichtigkeit und Selbstironie, so Huhnholz, schreibt der Soziologe über Empfängnisverhütung, Pornografie oder Pubertät, aber auch über Emanzipation, Gleichberechtigung oder Lust an der Sexualität. Genaue Beobachtungen des bürgerlichen Milieus, Schilderungen eigener Erfahrungen und die Direktheit des Autors machen dem Kritiker Freude - im Gegensatz zum gelegentlichen "Machismo", dem "Herrenwitz" und den Passagen von "eugenischer Brutalität". Umso dankbarer ist er für die Einführungen der Herausgeber.
Mit großem Nachdruck empfiehlt Rezensent Jens Hacke die Lektüre dieses Pioniers der Parteienforschung und vor allem frühen Feministen. Michels war ein radikaler Denker, erfährt Hacke aus diesem Reader, er galt als einer der schärfsten Kritiker des Wilhelminismus, hatte zugleich einen illusionslosen Blick auf die SPD und feierte 1911 mit seinem Buch "Die Grenzen der Geschlechtsmoral" einen Bestseller. Dort entfalte Michels grundsätzlichste Ideen der Gleichstellung von Mann und Frau, auch bei Themen wie Empfängnisverhütung. Verblüffend allerdings, so Hacke, dass ein so moderner Denker später zum Faschismus Mussolinis überlief. Hacke interpretiert dies als Überschuss eines zum Utopischen neigenden Denkens, das immer wieder fähig sei, Realitäten auszublenden. Seine Leseempfehlung schränkt Hacke deshalb aber nicht im geringsten ein. Der Freund Max Webers ist für ihn eine große Wiederentdeckung soziologischer Literatur.
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