Umlaufbahnen
Roman

dtv, München 2024
ISBN
9783423284233
Gebunden, 224 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Julia Wolf. Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024. Von oben betrachtet sieht die Welt gleich ganz anders aus: Sechs Astronauten schweben in einer Raumstation durchs All. Den Planeten Erde umkreisen sie einmal in 90 Minuten, sechzehnmal in 24 Stunden. Die zwei Frauen und vier Männer aus ganz unterschiedlichen Nationen arbeiten, essen und schlafen auf engstem Raum - und doch ist alles losgelöst vom Alltag, Schwerkraft und Zeitempfinden sind außer Kraft gesetzt. Was passiert, wenn man seine Heimat nur aus weiter Ferne durch ein kleines Fenster sieht? Wie verändern sich Denken und Fühlen? In dem Zeitraum von nur einem Tag, während die Sonne sechzehnmal auf- und untergeht, betrachtet dieser ungewöhnliche, kraftvoll poetische Roman die großen und kleinen Fragen der Menschheit und bringt uns der Schönheit des Universums ganz nahe.
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Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2024
Rezensent Rainer Moritz ist begeistert von Samantha Harveys Roman. Ihr gelingt eine "Quadratur des Kreises", lobt er, nämlich, naturzerstörerischen Menschen ernsthafte Apelle zum Schutz der Erde in den Mund zu legen, ohne dass das heuchlerisch oder verkitscht gerate. Im Gegenteil: wunderschön und berührend findet Moritz, wie die britische Autorin den Alltag von sechs Astronauten auf einer Raumstation beschreibt. Entfernt geht es dabei um private Hintergründe der Hauptpersonen, hauptsächlich aber um den wissenschaftlichen Alltag und um das Staunen angesichts des neuen, durch die Distanz ermöglichten Blicks auf den Planeten, um dessen "entrückte Schönheit", so der Kritiker, ohne dass Harvey dabei in nichtssagendes "Nature-Writing" abdrifte. Davor bewahrt laut Moritz auch die intensive Bezugnahme zum einen auf die Geschichte der Raumfahrt, etwa auf ikonische Fotografien oder die Explosion der Raumfähre Challenger 1986, und zum anderen auf Kunst und Literatur, wie auf das viel analysierte Velázquez-Gemälde "Die Hoffräulein" oder Virginia Woolfs "Die Wellen". Ein flüssig sich entfaltender, bannender und "beglückend großartiger" Roman, schwärmt Moritz.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.12.2024
Man muss gar nicht selbst im All gewesen sein, um wunderbar überzeugend und "augenöffnend schön" über einen Tag auf einer Raumstation zu schreiben, lernt Kritikerin Christiane Lutz von Samantha Harvey, die für dieses Buch den Booker Prize gewonnen hat. Eine richtige Handlung oder einen Spannungsbogen gibt es nicht, für Lutz steht eher die "atemberaubende Gleichzeitigkeit der Dinge" im Vordergrund, die die sechs aus unterschiedlichen Nationen stammenden Astronautinnen und Astronauten bei ihren 16 Erdumrundungen erleben - und alle großen Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz. In einem immer wieder zwischen der Winzigkeit des Menschen und der Großartigkeit des Alls changierenden Wechsel schreibt Harvey der Rezensentin zufolge in einem fließenden, gefühlvollen, aber nie pathetischen Strom über Mutter Erde und Vater Weltraum.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.12.2024
Rezensent Mladen Gladic hat viele Frage nach der Lektüre von Samantha Harveys Roman, allen voran: Woher weiß die britische Autorin das alles? Geradezu "knausgardesk" klärt sie über einzelne Aufgaben in einer Raumstation auf oder weiß, dass die Muskeln von Säugetieren in der Schwerelosigkeit atrophieren, staunt der Kritiker. Und noch eine Frage drängt sich Gladic auf: Hat Harvey Günther Anders' "Reflexionen über Weltraumflüge" von 1970 gelesen, in dem der deutsch-österreichische Dichter und Philosoph darüber schreibt, dass die Erde bei Raumflügen zum ersten Mal die Chance habe, sich selbst zu begegnen. Genau darum nämlich scheint es auch Harvey zu gehen, erkennt der Kritiker, der in diesem "globalen Roman" gut auf einen klassischen Plot verzichten kann: Entlohnt wird er mit einem die Perspektive weitenden Blick auf die Welt und das, was sie zusammenhält.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2024
Kritikerin Sandra Kegel liest in Samantha Harveys Booker Prize-gekröntem Roman mit "bezaubernder Poetik und Metaphysik" von einem Tag auf der Raumstation, die von sechs Astronautinnen und Astronauten bewohnt wird und sechzehn Mal am Tag die Erde umkreist. Die sechs stammen aus verschiedenen Ländern und bringen alle ihre eigenen Probleme mit, werden aber angesichts der Unermesslichkeit des Weltraums zunehmend zu einem polyphonen Chor, schildert die begeisterte Kegel. Sie freut sich, wie viele Reflexionen über das Menschsein enthalten sind und wie diese durch ihr Schweben im Universum tiefgründiger werden - das Buch ist eine "Weltraum-Pastorale", die überzeugend eintritt, für ein ressourcenschonendes Miteinander und dies poetisch-liebevoll verpackt, schließt die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.11.2024
Rezensent Tobias Rüther trifft sich mit der frisch gekürten Booker Prize-Preisträgerin Samantha Harvey, um über ihren Roman zu sprechen, der von sechs Astronauten handelt, die auf der ISS die Welt umkreisen, mit 27 000 km/h. Mit dem, was die Autorin selbst als "Space Realism" bezeichnet, schildert sie Alltag und Außergewöhnliches im All so fesselnd, dass Rüther diese Raumfahrt am liebsten nie beendet hätte. Dafür braucht es für ihn auch keinen Plot, stattdessen fühlt sich der Kritiker wunderbar aufgehoben in dieser extraterrestrischen Atmosphäre, die aber auch immer wieder deutlich macht, dass es Zeit ist, aufzuwachen und sich um Mutter Erde zu kümmern. Er kann gut verstehen, dass das Interesse am Weltall derzeit in vielen Medienformaten so groß ist.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 23.11.2024
Rezensent Yannic Walter ist ganz bezaubert von Samantha Harveys Roman. Denn der Text, der eigentlich das Dasein einer Gruppe von AstronautInnen auf der Raumstation ISS behandelt, sei ein unglaublich vielseitiges Ganzes, das im Grunde nicht weniger als das Wesen menschlicher Existenz umkreise: mal in Form naturwissenschaftlich-präziser Beschreibungen von Prozessen an Bord, mal in poetischer Form eines ausschweifenden Naturgedichts, mal in Form philosophischer Reflexionen darüber, wie die Schwerkraft die Art und Weise unseres Denkens prägt. Wie Harvey mit diesem gestaltwandlerischen Schreiben, das weniger an einer Handlung als an einer "Idee" orientiert sei - Walter sieht hier Susan Sontag und vor allem Virginia Woolf als Inspirationsquellen -, gleichsam freischwebend die "existenziellen Fragen des menschlichen Lebens" bearbeitet, und wie dabei Realitäten wie Nationalismus oder staatliche Konkurrenz zu Lächerlichkeiten mutieren, findet der Kritiker höchst beeindruckend. Ein "Roman von betörender Klarheit und Schönheit", schwärmt er.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 21.11.2024
Derart hymnisch bespricht Adam Soboczynski diesen gerade mit dem Booker-Prize ausgezeichneten Roman von Samantha Harvey, das man sofort mit der Lektüre beginnen möchte: Wenn die britische Autorin in ihrem fünften Roman vier Männer und zwei Frauen, darunter zwei Russen, auf einer Raumstation ins Weltall schickt und deren Zusammenleben erkundet, während sie sechzehn Mal am Tag um die Erde schweben, verschlägt es dem Rezensenten schier den Atem: Allein wie die Autorin die Schönheit der Erde aus unbekannter Perspektive beschreibt, wie eine "Landschaftsmalerin", begeistert den Rezensenten. Auch wie Harvey Gedanken zur Klimakrise einflicht, ganz ohne Agenda, dafür über die Verletzlichkeit der Welt reflektierend, gefällt Soboczynski. Vor allem aber ist es die "Eleganz und sprachliche Schönheit", mit der sie Seelen- und Zusammenleben ihrer Heldinnen auslotet, die den Kritiker eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen lassen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.11.2024
Aktueller und schöner kann Literatur kaum sein, jubelt Rezensentin Meike Feßmann über Samantha Harveys Booker-Preis-gekröntes Werk. Es dreht sich, erfahren wir, um eine Weltraumcrew, die sich ihrerseits in einer Raumstation um die Erde dreht, innerhalb von 24 Stunden 16 Mal. International ist die Crew, beschreibt Feßmann, die Gemeinschaft der Astronauten erstreckt sicht teils sogar auf geteilte Träume, gleichzeitig lesen wir viel über die Schönheit der Erde, vom All aus betrachtet, die wissenschaftliche Arbeit an Bord, aber auch die Sehnsüchte und Wünsche der einzelnen Figuren. Gleichzeitig fragmentarisch und intensiv ist das, so eine des Lobes volle Rezensentin, es gelingt Harvey zu zeigen, wie unser Denken von den Lebensumständen abhängt, in denen wir uns befinden. Nicht zuletzt ist das Buch auch eine Liebeserklärung an den Planeten Erde und damit, findet Feßmann, die perfekte Antwort auf die Weltraumspinnereien von Elon Musk und Co.